Literatur : LESESTOFF

Hannes Schwenger

Sven Oliver Müller:

Deutsche Soldaten und ihre Feinde, Nationalismus an Front und Heimatfront im Zweiten Weltkrieg.

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007. 330 Seiten, 19,90 Euro.

Es mag sein, dass Müller nach Daniel Goldhagen und Götz Aly offene Türen einrennt. Und trotzdem ist seine pauschale These schmerzhaft, die er nach der Lektüre von Feldpostbriefen deutscher Soldaten bestätigt findet: „Massenmord in Osteuropa war nicht allein das Werk Hitlers und der militärischen Eliten, sondern letztlich nur möglich, weil auch die einfachen Soldaten die Rahmenbedingungen dafür schufen oder sich persönlich beteiligten.“ Unstrittig ist die Opferbilanz: An die 30 Millionen Tote, „verbrannte Erde“, Zehntausende zerstörter Städte und Dörfer. Was ließ deutsche Soldaten zu Tätern, Mittätern und beteiligten Mitwissern schwerster Kriegsverbrechen werden? Müllers Antwort: Es war der allgegenwärtige „Nationalismus an Front und Heimatfront im Zweiten Weltkrieg.“ Das klingt wie eine Binsenwahrheit, wird aber sofort konkret, wenn man in einzelnen Briefen nachliest, wie sich deutsche Soldaten ihr Feindbild aus den Versatzstücken nationalistischer Klischees so zurechtlegten, dass aus Kriegsgegnern Untermenschen wurden, die es in einem Rassenkrieg zu vernichten oder zu kolonisieren galt. „Auf diese Weise“, folgert Müller, „formierte sich in den Köpfen vieler Soldaten das Bild einer sauberen und geordneten deutschen Nation als Kampfgemeinschaft männlichen Geschlechts, die mit einem hygienisch wie ethnisch verkommenen slawisch-jüdischen Feind um Sein oder Nichtsein rang.“ Waren die Briefschreiber bis 1944 vom Gefühl nationaler Überlegenheit beseelt, so war es zuletzt die Nation als Verteidigungsgemeinschaft, die soldatische Massenloyalität erzeugte; selbst die Furcht vor der Rache des Feindes konnte so die Volksgemeinschaft zusammenhalten. Müllers These ist plausibel und durch schlüssige Briefzitate belegt. Sie erklärt besser als jede Dämonisierung Hitlers oder die Annahme kollektiver Gehirnwäsche, warum sich deutsche Soldaten für den Vernichtungskrieg instrumentalisieren ließen.Hannes Schwenger

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