Literatur : LESESTOFF

Elke Kimmel

Klaus J. Bade, Pieter C. Emmer, Leo Lucassen und Jochen Oltmer (Hg.):

Enzyklopädie Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2007. 1156 S., 58 €.

Migration und Integration sind zwar auch gerade wieder „zentrale Sorgenthemen“. Auf eine umfassende europäische Darstellung hat man aber dennoch lange warten müssen. Nun liegt sie vor, und gleich vier Herausgeber, drei wissenschaftliche Redakteure und fast 250 Autoren haben sich dem Mammutprojekt gewidmet. Angesichts des Umfangs sind die einleitenden theoretischen Ausführungen erfreulich kurz. Es folgen gut strukturierte historische Länder- und Regionenberichte. Den Hauptteil aber nehmen die alphabetisch geordneten Texte über Zuwanderergruppen ein – von den „Sans-Papiers“ in Paris bis zu den Zyprioten in Großbritannien. Allgemein bekannte große Migrantengruppen wie die türkischen „Gastarbeiter“ und deutschstämmigen Aussiedler treffen auf „Exoten“ wie schwarzafrikanische Fußballspieler, die in Westeuropa ihr Geld verdienen. Alle Beiträge verfolgen den Weg der Wanderer von der Ausgangsgesellschaft in ihre neue Heimat. Sie fragen nach den Bedingungen der Aufnahme und analysieren, unter welchen Bedingungen die Integration erfolgreich verlief – oder nicht. Wer sich zuverlässig und schnell über die Eigenheiten bestimmter Wanderungsbewegungen informieren will, hat hier das geeignete Handwerkszeug. Elke Kimmel

Freya Klier:

Matthias Domaschk und der Jenaer Widerstand. Eigenverlag Bürgerbüro, Berlin 2007. 142 S., 8 €. Bestellung: Info@buergerbuero-berlin.de

Die Autorin und Regisseurin Freya Klier, die sich seit ihrer Zwangsausbürgerung 1988 immer wieder eindrucksvoll mit der SED-Diktatur auseinandersetzt, beschreibt hier den Fall Matthias Domaschk. Die überaus informative und mit vielen Fotos und Zeitdokumenten aufbereitete Publikation ist vor allem für junge Leute konzipiert, deren erschreckende Unkenntnis über die deutsch- deutsche Geschichte gerade allseits beklagt wird. Klier schildert gemeinsam mit ihrer Tochter Nadja das Entstehen der wichtigen Jenaer Oppositionsbewegung und die tragischen Ereignisse um Matthias Domaschk. Er steht spätestens seit den Ausbürgerungen von Wolf Biermann 1976 und Jürgen Fuchs 1977 unter ständiger Beobachtung der Staatssicherheit. Im Frühjahr 1981 wird er denunziert und wegen „staatsfeindlicher Aktivitäten“ verhaftet. Zwei Tage später teilt die Staatssicherheit seinen Eltern mit, dass sich ihr Sohn im Untersuchungsgefängnis erhängt hat. Diese Lüge glaubt niemand. Auch nicht, dass er freiwillig eine Verpflichtungserklärung zur Zusammenarbeit mit der Stasi unterschrieben hat. Um die Wahrheit zu vertuschen, wird Domaschk schon vier Tage nach seinem Tod unter Aufsicht der Staatssicherheit eingeäschert und bestattet. Günter Jeschonnek

Heinrich August Winkler:

Auf ewig in Hitlers Schatten? Anmerkungen zur deutschen Geschichte. C. H. Beck Verlag, München 2007. 224 S., 19,90 €.

Eigentlich muss Heinrich August Winkler sein Standardwerk zur deutschen Geschichte „Der lange Weg nach Westen“ nicht weiter illuminieren. Dennoch fällt von dieser kompakten Darstellung so viel Licht auf Schauplätze und Nebenschauplätze der deutschen Demokratiegeschichte, dass sich seine neue Essaysammlung nicht in Anmerkungen erschöpft, wie der Untertitel vermuten ließe. Winkler schreitet noch einmal den ganzen Weg seit der deutschen Revolution 1948 über Bismarcks Reichsgründung, die Weimarer Republik, das „Dritte Reich“ und die Teilung und Wiedervereinigung Deutschlands ab, um Richard von Weizsäckers Satz – vom 3. Oktober 1990 im Bundestag – zu beglaubigen: „Der Tag ist gekommen, an dem zum ersten Mal in der Geschichte das ganze Deutschland seinen dauerhaften Platz im Kreis der westlichen Demokratien findet.“ Diese Zuversicht setzt Winkler gegen die Frage seines Titels. Das klingt deutlich anders als die von Winkler hier glossierten Versuche von konservativer Seite, Abschied von der „Schuldbesessenheit“ („FAZ“) zu nehmen oder gar Hitlers Krieg zum „europäischen Normalkrieg“ herabzustufen. Winkler ist überzeugt, auch das wiedervereinigte Deutschland sei „Hitlers Schatten nicht losgeworden, und es wird ihn auch nicht loswerden“. Daher sei der Historikerstreit unvermeidlich gewesen, um einer falschen Historisierung des Nationalsozialismus entgegenzutreten. Seinen eigenen Beitrag dazu druckt er mit einer selbstkritischen Anmerkung ab: Zwar sei es notwendig, daran festzuhalten, „dass die Teilung Deutschlands in letzter Instanz eine Folge von deutscher Politik und deutscher Schuld war“. Aber es sei nicht zwingend gewesen, wie er mit der bundesdeutschen Linken damals angenommen habe, dass die Chance auf einen neuen deutschen Nationalstaat damit verspielt war. Nun gelte es, dessen Einbindung in das „historische Projekt der Wiedervereinigung des Westens“ voranzubringen. Hannes Schwenger

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