Literatur : LESESTOFF

Wolfgang G. Schwanitz

Ursula Spuler-Stegemann:

Die 101 wichtigsten Fragen: Islam. C. H. Beck, München 2007. 152 Seiten, 9,90 Euro.

Auch die Stasi beschäftigte sich mit Salman Rushdie: Am 2. März 1989 erfuhr der DDR-Geheimdienst von Kreuzberger Palästinensern, dass zwölf Tage später, am 15. März, ein Anschlag auf den Schriftsteller geplant sei. Im Jahr zuvor hatte Ajatollah Khomeini eine Fatwa gegen ihn erlassen. Laut Ost-Berliner Recherchen war das Attentatsdatum kein Zufall: In der Schlacht bei Kerbala seien am 15. März 680 Hassan und Hussein, die Söhne des Schwiegersohnes des Propheten, gefallen. Daher sei er ein Gedenktag für Schiiten. Wer wissen will, warum sich Ost-Berlin mit dem 15. März irrte, greife zu Ursula Spuler-Stegemanns jüngstem Referenzwerk. Die Marburger Orientalistin beantwortet darin 101 Fragen zum Islam. Tatsächlich verstarb nämlich nur Hussein bei der Schlacht bei Kerbala, und diese fand nicht am 15. März, sondern am 10. Oktober 680 statt. Spuler-Stegemann nimmt auch die Frage auf, ob eine Fatwa, wie die gegen Salman Rushdie, stets ein Todesurteil ist. Nein, denn so etwas sei ein autoritatives Gutachten, das ein Mufti, bei den Schiiten ein Ajatollah, abgebe. Es zeige nach abgestuften Kriterien, was verpflichtend, Gott wohlgefällig oder verwerflich sei. Das Besondere der Fatwa gegen Rushdie war, dass Khomeni sie namentlich gegen dessen Leben richtete. Nicht nur gegen ihn, könnte man ergänzen, sondern gegen alle, die mit Druck und Vertrieb seines Buches befasst waren, vom Verleger bis zum Händler. Einige Buchläden wie Verlage gingen in Flammen auf, und Menschen kamen um. Spuler-Stegemann beantwortet auch, ob Muslime ihre Frauen schlagen dürfen (Antwort: laut Koran ja, wobei sie diverse Interpretationen beschreibt und anmerkt, eheliche Vergewaltigung sei kein Thema und daher für Frauen kein anerkannter Scheidungsgrund); wie die Scharia die Homosexualität bewertet (als „Sodom und Gomorrha“; lesbisches Verhalten würde nicht erwähnt); und ob Attentäter Märtyrer sind (der Selbstmord sei verboten, wurde aber jüngst bejaht). Zudem erklärt sie die islamische Haltung zu Fragen von Organtransfer, Klonen und Beschneiden. Ein empfehlenswertes, aber auch streitbares Buch. Wolfgang G. Schwanitz

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