Literatur : LESESTOFF

Hermann Rudolph

Wolf Lepenies:

Warum war Henry James so schlechter Laune? Geistesarbeiter und ihre Freunde. Berlin University Press, Berlin 2007. 207 Seiten, 19,80 Euro.

In den Jahren, in denen Wolf Lepenies Rektor des Berliner Wissenschaftskollegs war, gehörten sie zu den Attraktionen des Hauses: die Einleitungen, mit denen er als Hausherr Gäste und Vorträge vorstellte. Diese Miniaturen, eher Conferencen, witzig, geistreich, mit sorgfältig abgeschmeckten, aber selbstverständlich ganz beiläufig servierten Pointen hatten durchaus eine Fangemeinde. Und die verband auch das Bedauern, dass man diese Impromptus nicht nachlesen konnte. Nun kann man es – fast: Denn das schmale Büchlein mit Reden, Laudationes und Aufsätzen, das den Leser mit dem hübschen Titel „Warum war Henry James so schlechter Laune?“ auf eine literarische Erlebnistour schickt, enthält, genau besehen, keines davon. Aber sie haben ihren Ton, ihre leichtfüßige Suada, ihren lässigen gelehrten Witz. Lepenies, der ja zur Gattung der Großintellektuellen zählt – eben erst hat er in einem 450-Seiten-Werk über „Kultur und Politik“ herb mit einer alten deutschen Obsession abgerechnet – zeigt, was am Stamme einer Existenz zwischen Berlin und Princeton sonst noch so an Blüten wächst. Natürlich surft der frankophone Autor mit besonderer Hingabe durch französisches Gelände – von Hugo bis Sartre, nicht gerechnet einen unbekannten Abbé Mugnier, der offensichtlich eine Entdeckung wert ist. Die Reise hält, bedeutender Lobredner, der Lepenies ist, bei den einschlägigen deutschen Zelebritäten, den Enzensbergern, Wapnewskis und Millers. Eine Würdigung der Filmkomiker Stan und Olli bezeugt eine hoch entwickelte Marottenpflege. Merkwürdigerweise kein Stück über Fußball. Lepenies Stücke sind, versteht sich, zumeist Gelegenheitsarbeiten, aber Bruchstücke einer Konfession sind sie auch. Die Sympathie gilt denen, die „in der Regel ihren Mantel gegen den Wind hängen“, nicht zuletzt jenen erstaunlichen Kometen-Köpfen, die die Verbindung von Provinz und Aufklärung in Deutschland hervorgebracht hat: Ein großes Stück gilt dem Freiherr von Knigge, bei dem man sich, wie Lepenies schreibt, immer „fremd und heimisch … zugleich“ fühlt, Fontane natürlich, also den Boten eines Deutschlands jenseits der Misere. Aber kein nationalpädagogischer Zeigefinger: Lepenies schreibt locker, mit geschliffenen Wortprägungen und bedeutenden Lesefrüchten. Das Büchlein dokumentiert eine Bildungswelt, mit der man sich anfreunden kann. Erschienen ist es bereits 2007, ein erstes Zeichen der Berlin University Press, die auf dem Markt offensichtlich noch nicht richtig angekommen ist. Aber ein solches Buch, gut gedruckt und gebunden, kommt immer zurecht. Hermann Rudolph

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