Literatur : LESESTOFF

Elke Windisch

Sabine Adler:

Russenkind. Residenz Verlag, Wien 2007. 239 Seiten, 21,90 Euro.

In Sabine Adlers „Russenkind“ geht es nicht, wie so oft, um die „Hinterlassenschaft“ von Rotarmisten in der ehemaligen sowjetischen Besatzungszone. Klawdija wird im Zweiten Weltkrieg aus dem russischen Belgorod als Zwangsarbeiterin nach Deutschland verschleppt. Nach Bitterfeld, wo sie den russischen Kriegsgefangenen Iwan kennenlernt. Frucht dieser Begegnung – das Wort „Liebe“ nimmt die Heldin nie in den Mund – ist Alla. Mutter und Tochter verlieren sich in den Wirren des Zusammenbruchs, Klawdija kehrt 1945 zurück in die Sowjetunion, Alla wächst als Dagmar bei deutschen Pflegeeltern auf, die 1953 nach Westdeutschland übersiedeln. Erst nach der Wende macht sie sich auf die Suche nach ihrer leiblichen Mutter, 1999 schließen beide sich in die Arme. Mit dem vermeintlichen Happy End fängt die eigentliche Geschichte erst an: Mutter und Tochter kommen sich nicht wirklich nahe. Und das liegt nicht an der Sprachbarriere oder daran, dass Alla in Klawdijas Tagträumen noch immer das kleine Mädchen ist. Massenweise gibt es kulturelle Missverständnisse. Traurig und gleichzeitig urkomisch die Szene, wo Alla/Dagmar, die alle deutschen Tugenden und Untugenden verinnerlicht hat, das Festmahl zu Klawdijas Geburtstag kocht. In Töpfen aus Edelstahl, aber aus nur einem Gang bestehend. Für Russen die blanke Katastrophe, die Klawdijas Schwester im letzten Moment verhütet. Adler hat die Geschichte in ihrer Zeit als Russland-Korrespondentin für Deutschlandradio aufgetan. Als Augenzeugin des Wiedersehens und der weiteren Treffen von Mutter und Tochter ist sie eine sehr aufmerksame, zuweilen gnadenlose Beobachterin. Adler – bekannt durch den Bestseller „Ich sollte als schwarze Witwe sterben“ – begibt sich mit ihrem Buch auf eine Zeitreise in die Vergangenheit ihrer Heimatregion. 1963 in Wolfen bei Bitterfeld geboren, hat sie als Schülerin in den gleichen Hallen gearbeitet wie Klawdija: Im einstigen IG-Farben-Werk, wo in der DDR das ORWO- Kombinat Farbfilme herstellte. Seine Geschichte hat sie daher stets interessiert, auch die der Zwangsarbeiter, die „durch Klawdija für mich plötzlich ein konkretes Gesicht“ bekamen. Elke Windisch

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben