Literatur : LESESTOFF

Elke Windisch

Susanne Scholl:

Töchter des Krieges.

Molden Verlag, Wien 2007. 198 Seiten, 19,90 Euro.

Aus der aktuellen Berichterstattung ist das Thema Tschetschenien nahezu verschwunden – und das hat gute Gründe. Ausländische Journalisten können sich in der angeblich befriedeten Rebellenrepublik nach wie vor nur in Begleitung russischer Presseoffiziere bewegen. Susanne Scholl, seit Jahren für den österreichischen Fernsehsender ORF in Moskau als Korrespondentin tätig, und ihr Kamerateam haben am eigenen Leibe erfahren, was es für Konsequenzen hat, wenn man versucht, dort auf eigene Faust mit einfachen Menschen ins Gespräch zu kommen. So scherte sich Russlands Inlandsgeheimdienst FSB wenig darum, dass sie die erforderlichen Genehmigungen vor ihrer Reise eingeholt hatte. Scholl räumt gründlich auf mit der Mär Putins, wonach der Krieg zu Ende sei. In ihrem Buch erzählt sie das Leid des tschetschenischen Volkes über konkrete Schicksale von Frauen, den „Töchtern des Krieges“. Die hat sie in Flüchtlingslagern, in Plattensilos am Rande von Moskau und in den Ruinen von Grosny ausfindig gemacht. Es sind gut recherchierte und flüssig geschriebene Protokolle von Einzelschicksalen, die dennoch repräsentativ sind. Betroffenheit erzeugt Scholl nicht durch Larmoyanz und Wertungen, sondern durch nüchterne, detaillierte Schilderungen. Dabei erfährt der westliche Leser viel von den komplizierten, von Generation zu Generation tradierten Mechanismen, nach denen die tschetschenische Gesellschaft bis heute tickt. Scholl, Jahrgang 1949, gelingt es, Zugang zu ganz jungen und sehr viel älteren Tschetscheninnen zu finden. Solchen, wie Sowdat, die als halbe Kinder 1944 von Stalin nach Kasachstan deportiert wurden und dort nur mit knapper Mühe dem Tod entgingen. Überfordert sind Nichtexperten jedoch mit dem kurzen Abriss der Geschichte Tschetscheniens am Schluss des Buches. Den hat die Autorin offenbar aus einem Nachschlagewerk übernommen und legt ihn dem Publikum unkommentiert, auch unverdaut, vor. Weniger Jahreszahlen, die aber mit einordnender Wertung, wären dem Buch besser bekommen. Elke Windisch

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