Literatur : LESESTOFF

Martin Gehlen

Martin Tamcke:

Christen in der islamischen Welt. Von Mohammed bis zur Gegenwart. C. H. Beck, München 2008. 205 Seiten, 12,95 Euro.

Kurz vor seiner Ermordung durch islamische Fanatiker im März hatte der irakische Erzbischof von Mossul, Paul Faraj Rahho, noch einen Brief an seine westlichen Mitchristen adressiert: „Wir wollen in unserer geliebten Heimat bleiben trotz der momentanen Lage und trotz aller Leiden.“ Solche Appelle lenken die Aufmerksamkeit auf die kleine christliche Minderheit in der arabischen Welt, deren Wurzeln bis in die Ursprünge des Christentums zurückreichen. Martin Tamcke, Professor für ökumenische Theologie in Göttingen, hat in Teheran, Aleppo, Damaskus, Beirut und Kairo gelehrt und schreibt über die „Schicksalsgemeinschaft mit der muslimischen Mehrheitsbevölkerung“. Er schildert das jahrhundertealte „subtile Spiel zwischen Toleranz und Demütigung“, den Kampf gegen erdrückende Steuerlasten, berufliche Diskriminierung und erzwungene Übertritte zum Islam. Und er präsentiert Details früher theologischer Disputationen christlicher und muslimischer Denker. Gerade bei dieser Lektüre fragt man sich, warum Papst Benedikt XVI. in seiner Regensburger Rede ausgerechnet die Islamkritik des von den Osmanen bedrängten spätbyzantinischen Kaisers Manuel II. Palaeologos bemühen musste. In den Quellen vor der ersten Jahrtausendwende hätten sich anregendere Analysen orientalischer Christen über den Islam finden lassen. Tamcke zeigt aber auch auf, dass der von Muslimen selbst genährte Mythos des toleranten Islam keineswegs allein prägend war. Belege sind etwa der von der Türkei tabuisierte Völkermord an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs oder die Pogrome gegen die Kopten in Ägypten. Neben diesen dunklen Seiten präsentiert Tamcke aber auch den reichen gesellschaftlichen und kulturellen Beitrag der Christen für ihre orientalische Lebenswelt. Viele Christen spielten eine prägende Rolle im arabischen Nationalismus, der wichtigsten politischen Emanzipationsbewegung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und bis heute bereichern Dichter und Romanautoren christlicher Herkunft die Literatur ihrer arabischen Heimatländer. Martin Gehlen

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