Literatur : LESESTOFF

Elke Kimmel

F. Tych, A. Kenkmann, E. Kohlhaas, A. Eberhard (Hrsg.):

Kinder über den Holocaust. Frühe Zeugnisse 1944–1948. Metropol Verlag, Berlin 2008. 328 Seiten, 19 Euro.

„In der Art, wie es sich gibt und verhält, hat es wenig Ähnlichkeit mit einem jüdischen Kind“, mit diesen Worten beschreibt der Interviewer den 1936 geborenen Seweryn. Er liefert damit einen Anhaltspunkt dafür, wie der Junge den Holocaust überlebt hatte. Seweryn hatte sich als polnisches Kind tarnen können. Gemeinsam mit 428 von insgesamt nur etwa 5000 überlebenden Kindern des Holocaust wurde er zwischen 1944 und 1948 von der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission befragt. 56 dieser Protokolle liegen jetzt in ungekürzter Form vor. Die jungen Zeitzeugen erzählen schreckliche Geschichten. Häufig hatten sie einen Elternteil oder die ganze Familie verloren, ohne Zeit zum Trauern zu haben. Sie lernten sich zu verstellen und katholische Gebete herzusagen, mussten körperlich und psychisch belastbar sein und mit der Einsamkeit zurechtkommen. Einige Kinder überlebten bei den Partisanen oder als „Waldjuden“. Jederzeit konnte ein Helfer sich gegen sie wenden, sie vertreiben oder gar an die Deutschen verraten. Einzelne berichten davon, wie sie das Ghetto, Vernichtungslager und Todesmärsche überstanden. Und auch davon berichten die Kinder: von der Scham, überlebt zu haben, während sie den Tod der anderen mit ansehen mussten. In den Protokollen kommen auch die Folgen zur Sprache: Teilweise bemerken die Interviewer, die Kinder könnten kaum still sitzen, andere hätten Probleme, zusammenhängend zu sprechen. Die Einleitung von Alfons Kenkmann und Elisabeth Kohlhaas sowie der Anhang, der auch den Interviewleitfaden für die Befrager enthält, erlauben es, diese Einschätzungen einzuordnen. Die meist nüchtern abgefassten Berichte lassen ahnen, wie unfassbar groß auch das Leid derer war, die die Schoah überlebten. Elke Kimmel

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