Literatur : LESESTOFF

Rolf Helfert

Michaela Karl

, Die Münchener Räterepublik. Porträts einer Revolution, Patmos, Düsseldorf 2008, 277 Seiten, 24,90 Euro.

Dass die Bayern in einem Freistaat leben, verdanken sie nicht etwa der CSU. Es war Kurt Eisner, der schillernde Sozialist und Revolutionär, der aus dem verschlafenen Bayern nach dem Ersten Weltkrieg eine Freie Räterepublik formen wollte. Er und andere „Cafehaus-Intellektuelle“ wie Erich Mühsam, Gustav Landauer und Ernst Toller prägten die bayerische Politik indes nur kurz – Eisner wurde im Februar 1919 ermordet. Michaela Karl beschreibt in ihrem Buch die „Revolution der Individuen, nicht der Parteisoldaten“ der Revolutionsära. „Träumer und Schwärmer“, schreibt Karl, versuchten das „schier Unmögliche: Ideal und Wirklichkeit zu vereinen“. Kurt Eisner, gebürtiger Berliner, wechselte von der SPD zur USPD und regierte seit dem 7. November 1918 als bayerischer Ministerpräsident. Mit seinem Projekt einer „Donauföderation“ geriet er schnell auf separatistische Holzwege und verhandelte mit den alliierten Siegermächten um einen Friedensvertrag. Es glückte ihm nicht, Parlament und Räte sinnvoll zu verknüpfen; unklar blieb, welche Rolle die Räte in Betrieben und Kommunen genau spielen sollten. Mühsam, Landauer, Toller und Levin fanden darauf auch nach der Ermordung Eisners keine Antwort. Am 6. April proklamierten sie eine Räterepublik, die nur Südbayern erfasste; manche Zeitgenossen hielten die Revolutionäre für eine „Mischung von Christus und Don Quijote“. Selbst der Kommunist Eugen Levine mochte sich deren Experimenten nicht anschließen. Erst nach einem missglückten rechtsradikalen Putschversuch unterstützten die Kommunisten die Bewegung; derweil formierten sich inner- und außerhalb Bayerns gegenrevolutionäre Strömungen. Karl beurteilt die Anarchisten zwiespältig. So kühn und teilweise visionär ihre Pläne auch waren – letztlich destabilisierten die Revolutionäre nachhaltig die Weimarer Republik. Anfang Mai 1919 besetzten Freikorps München und ermordeten viele Revolutionäre; vier Jahre später marschierte der junge Hitler in der „Stadt der Bewegung“ zur Feldherrenhalle.Rolf Helfert

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