Literatur : LESESTOFF

Bernhard Schulz

Nino Galetti:

Der Bundestag als Bauherr in Berlin. Ideen, Konzepte, Entscheidungen zur politischen Architektur (1991–1998). Droste, Düsseldorf 2008. 411 S., 74 €.

Unendlich weit weggerückt sind die Auseinandersetzungen, die im Bundestag um die Bestimmung zunächst von Parlaments- und Regierungssitz, dann, in etwas kleineren Runden, um die Festlegung des Parlamentshauses ausgetragen wurden. Die erste Wahl fiel auf Berlin, die zweite auf den Reichstag. Um ihn geht es hauptsächlich in dem soeben von der bundestagsnahen Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien veröffentlichten Buch von Nino Galetti. Die Papierberge, die der Autor durchgewühlt hat, müssen bereits arg geraschelt haben. Das ist nun einmal das Dilemma einer Dissertation: Was sie an Präzision auf der einen Seite erbringt, geht ihr auf der anderen durch Trockenheit verloren. Immerhin existiert jetzt eine quellengestützte Darstellung, die den mäandernden Diskussionsprozess – grotesk geradezu beim Einzelproblem der Reichstags-Kuppel – nachvollziehbar macht. Wenn eine Einsicht aus dem Aktenstudium gezogen werden kann, dann die: wie beinahe zufällig die Entscheidungen zustande kamen, wie aneinandergereihte Dominosteine, die doch als Ganzes keiner Linie folgen. Bei der Buchvorstellung – natürlich! – im Reichstag ließ der Autor denn auch durchblicken, dass er Norman Fosters „Kommunikationstalent“ für die Ursache seines Sieges hält. Viel Platz räumt der Autor der Vorgeschichte des Reichstagsumbaus ein; andererseits musste er auch die eher nur einen engeren Kreis von Parlamentsforschern interessierenden Formalien der beteiligten Bundestagskommissionen darstellen. Die im wahrsten Wortsinne minutiöse, nämlich Tag für Tag und Stunde für Stunde abarbeitende Darstellungsweise verhindert nahezu jeden politischen Ausblick. Als Epochendarstellung wird man das Buch nicht lesen – wohl aber als Nachschlagewerk nutzen, wenn die Feinheiten der parlamentarischen Entscheidungsfindung über und um den Reichstag infrage stehen. Bernhard Schulz

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