Literatur : LESESTOFF

Gerd Busse

Friso Wielenga: Die Niederlande. Politik und politische Kultur im 20. Jahrhundert. Aus dem Niederländischen von Annegret Klinzmann, Mechthild Ragg und Dorothea Raspe. Waxmann Verlag, Münster 2008. 400 Seiten, 24,90 Euro.

Wollte man sich bislang einen Überblick über die moderne Geschichte der Niederlande verschaffen, war man auf das – inzwischen veraltete – Standardwerk von Horst Lademacher angewiesen. Mit dem jüngst erschienenen Buch von Friso Wielenga, Geschichtsprofessor und Direktor des Zentrums für Niederlande-Studien der Universität Münster, eröffnet sich nun ein ebenso frischer wie differenzierter Blick auf die gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen der Niederlande im 20. Jahrhundert. Das für das Verständnis der modernen Niederlande wichtigste Kapitel beschäftigt sich mit dem Ende des 19. Jahrhunderts einsetzenden „Versäulungsprozess“ der niederländischen Gesellschaft, bei dem sich die großen sozialen Milieus – Katholiken, Protestanten, Sozialisten und Liberale – gegeneinander abzugrenzen und innerhalb der eigenen „Säule“ zu organisieren begannen. Kontakte zwischen diesen Säulen beschränkten sich weitgehend auf deren Eliten, politische Aushandlungsprozesse fanden an der Spitze statt und gehorchten Spielregeln, die bis heute die politische Auseinandersetzung im Königreich prägen. Breiten Raum widmet der Autor auch dem Rechtspopulisten Pim Fortuyn, der nach seinem kometenhaften Aufstieg in der Politik 2002 ermordet wurde und dessen Partei bei den Parlamentswahlen kurz nach seinem Tod auf Anhieb zur zweitstärksten Kraft wurde. Für alle, die sich für die Niederlande und ihre jüngere Geschichte interessieren, ist dieses Buch ein absolutes Muss, bietet es doch interessante historische Einsichten, die aktuelle politische Entwicklungen in unserem Nachbarland um einiges verständlicher machen. Kurzum: ein rundum gelungenes Stück Geschichtsschreibung. Gerd Busse

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