Literatur : LESESTOFF

Reiner Tosstorff

Bernhard H. Bayerlein: „Der Verräter, Stalin, bist Du!“ Vom Ende der linken Solidarität. Komintern und kommunistische Parteien im Zweiten Weltkrieg 1939–1941. Mit einem Zeitzeugenbericht von Wolfgang Leonhard und einem Vorwort von Herrmann Weber. Aufbau Verlag, Berlin 2008. 540 Seiten, 29, 95 Euro.

Der Hitler-Stalin-Pakt von 1939 bis 1941 wurde bereits vielfach in seinen diplomatischen, militärischen und wirtschaftlichen Aspekten dargestellt. Hier aber geht es um seine Auswirkungen auf die kommunistischen Parteien und ihren Zusammenschluss in der Komintern. Für die einstigen Bannerträger der „antifaschistischen Volksfront“ galt nun die kompromisslose Rechtfertigung des Bündnisses mit den Nazis. Kriegstreiber waren auf einmal die „westlichen Imperialisten“. Wie diese neue Linie in den eigenen Reihen durchgesetzt wurde, war bis zur Archivöffnung nach 1991 nur in Umrissen bekannt. Für ein ungeschöntes Bild war man auf Erinnerungen ehemaliger Funktionäre angewiesen. Nun jedoch sind in den letzten Jahren zwei Quellensammlungen in Russland und in Frankreich zustande gekommen, auf denen im Wesentlichen diese umfangreiche deutschsprachige Dokumentation beruht. Äußerst detailliert werden hier die zahlreichen, von Moskau verkündeten politischen Schwenks nachgezeichnet, wobei Stalin persönlich die Änderungen in der großen politischen Linie der Führung der Komintern vorgab. Das antifaschistische Weltbild war praktisch auf den Kopf gestellt. Sogar aberwitzige Erwartungen auf die Herstellung einer Art halb legalen Existenz im nationalsozialistischen Europa machten sich breit. Erst in der zweiten Hälfte des Jahres 1940 stellte man sich auf die andauernde brutale Verfolgung ein, doch zu einer grundlegend neuen Orientierung auf den kompromisslosen Widerstand bedurfte es des Nazi-Überfalls vom 22. Juni 1941. Der Band folgt der Chronologie. Den Kominterndokumenten sind zeitgenössische Stellungnahmen der nichtkommunistischen Linken, aber auch zum Beispiel aus den Goebbels-Tagebüchern gegenübergestellt. Die Masse der Quellen ist allerdings etwas unübersichtlich. Hier fehlt eine entsprechende Übersicht, insbesondere wenn man Zusammenhängen nachgehen will. Umfangreiche Einleitungen sowie zahlreiche biographische und chronologische Erläuterungen aber erleichtern das Verständnis des historischen Hintergrunds. Reiner Tosstorff

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