Literatur : LESESTOFF

Michael Schmidt

Hans Christoph Buch: Das rollende R der Revolution. Lateinamerikanische Litanei. zu Klampen Verlag, Springe 2008. 160 Seiten, 16 Euro.

Auch Kubas Inselmarxismus hat seine Turmgesellschaft. Nicht von ungefähr nennt sich der informelle Zusammenschluss von Künstlern, Literaten und Intellektuellen, die sich wöchentlich in Havanna treffen, „La Torre“: eine Reminiszenz an die „Turmgesellschaft“ in Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, einen romantischen Geheimbund, der die Auswanderung nach Amerika plant – und auch Pate stand bei der Namensgebung des Bestsellers über das Ableben der DDR von Uwe Tellkamp, „Der Turm“. Hans Christoph Buch, weitgereister Literat mit einem Faible für Reportagen aus den zahllosen Krisengebieten dieser Welt, hat sich ein Treffen der „Türmer“ in Kuba angeschaut. Er hat, wie stets, genau hingehört. Und unter reichlich Parallelen zur Nischengesellschaft der DDR unter anderem diese ausgemacht: „Das Gespräch im Turmzimmer hält sich an die Vorgaben und respektiert die Grenzen freier Meinungsäußerung, da niemand weiß, wen die Staatssicherheit als Spitzel in den hochkarätig besetzten Kreis eingeschleust hat.“ Dennoch hat das kommunistische Regime ein wachsames Auge und Ohr für die Gespräche, weil es weiß, wie Buch schreibt, dass „Kubas Nischengesellschaft das ideologische Fundament der Diktatur untergräbt, so wie die alternative Szene am Prenzlauer Berg den Untergang der DDR beschleunigte.“ Es sind Impressionen wie diese, die Buchs „Lateinamerikanische Litanei“ zu einer kurzweiligen Lektüre machen. Überraschende, politisch unkorrekte Vergleiche wie der zwischen Kubas Maximo Lider und Chiles langjährigem Diktator – „mit Sicherheit hat Fidel Castro mehr Menschenleben auf dem Gewissen als Augusto Pinochet“ – erhöhen das Lesevergnügen. Abstecher in die Literatur und Buchempfehlungen runden den Band ab, dessen Texte zwischen 1989 und 2004 entstanden und irgendwo zwischen Essay, Reportage und Tagebuch angesiedelt sind. Man möchte dieser kenntnisreichen Abrechnung mit den Volksbefreiern linker wie rechter Provenienz – und eigenen Fehlwahrnehmungen des Autors in der Vergangenheit – viele Leser wünschen. Sie hätte es verdient. Michael Schmidt

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