Literatur : LESESTOFF

Albrecht MeierD

Jean-Paul Picaper: Nicolas Sarkozy und die Beschleunigung der Politik. Gollenstein Verlag, Merzig 2008. 437 S., 24,90 €.

Zwar haben die Franzosen Nicolas Sarkozy 2007 zum Präsidenten gewählt, aber wollen sie sein Reformtempo auch mitmachen? Das Buch des langjährigen Deutschlandkorrespondenten des „Figaro“, Jean-Paul Picaper, liefert eineinhalb Jahre nach der Wahl erste Antworten. Er erklärt, warum die Franzosen in ihren Präsidenten auch immer Ersatzmonarchen sehen und warum der von Sarkozy gewollte Bruch mit dem traditionellen Führungsstil seiner Vorgänger bei den Wählern zunächst nicht ankam. In solchen Analysen liegt die Stärke des Buchs. Die Schwäche liegt – abgesehen von einem gelegentlich etwas eigenwilligen Sprachstil des französischen Journalisten, der das Manuskript in deutscher Sprache verfasste – in der mangelnden Distanz. Picaper gibt Sarkozy ideologische Schützenhilfe und arbeitet sich an „linken Gutmenschen“ und „linken Medien“ ab. Als wäre die Zersplitterung der französischen Linken nicht ohnehin offenkundig genug, polemisiert Picaper gegen alle, denen die Segnungen von Sarkozys Reformeifer nicht immer einsichtig sind. Vor allem, so scheint es, geht es ihm um eines: Das „neomarxistische Denken“ zu tilgen, „das dreißig Jahre lang Frankreich belastet hat“. Albrecht Meier

Jens Becker und Harald Jentsch: Otto Brenner. Eine Biografie; Briefe 1933–1945; Ausgewählte Reden 1946–1971. Drei Bände. Steidl Verlag, Göttingen 2007. 396, 128 bzw. 444 S., 48 €.

Otto Brenner, der neben Hans Böckler bekannteste Gewerkschaftsführer der alten Bundesrepublik, hat als langjähriger Chef der IG Metall Tarifgeschichte geschrieben, mit dem erfolgreichen Kampf um die 40-Stunden-Woche und die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Dennoch erinnern sich die meisten Zeitgenossen mehr noch an den politischen Gewerkschafter, der dem außerparlamentarischen Kampf gegen die Notstandsgesetze Stimme verlieh. Wer den ganzen Brenner kennenlernen will, kann sich jetzt an ein dreibändiges Sammelwerk mit Biografie, Briefen und ausgewählten Reden halten. Als er 1972 mit nur 64 Jahren verstarb, war der „eiserne Otto“ unbestrittener Wortführer der Gewerkschaftslinken der Bundesrepublik, die er auch 1971 noch als Klassengesellschaft charakterisierte. Das hinderte den marxistisch geschulten Gewerkschafter nicht, als Pragmatiker an der „Konzertierten Aktion“ von Arbeitgebern und Arbeitnehmern teilzunehmen. Gesellschaftspolitisch waren seine Ziele allerdings weiter gesteckt: Es ging ihm, in der Tradition der Gewerkschaften seit der Weimarer Republik, um die Demokratisierung von Wirtschaft und Gesellschaft, um der politischen Demokratie ein festes Fundament zu geben. Zu ihren tragenden Säulen rechnete er die betriebliche und überbetriebliche Mitbestimmung, für die er leidenschaftlich, wenn auch nur mit Teilerfolg streiten konnte. Brenner, der im NS-Staat zwei Jahre in Haft gesessen hatte, blieb sein Leben lang überzeugt, dass es keine demokratische Gesellschaft ohne freie Gewerkschaften geben konnte, und darin übrigens auch ein entschiedener Antikommunist. Hannes Schwenger

Ingo Haar / Michael Fahlbusch (Hrsg.): Handbuch der völkischen Wissenschaften. Personen, Institutionen, Forschungsprogramme, Stiftungen. KG Saur Verlag, München 2008, 846 Seiten, 198 €.

Auf dem Historikertag 1998 entstand die Idee einer Darstellung der Verstrickung der eigenen Zunft in das NS-Regime. Nun liegt sie vor und besonders in den biografischen Texten gelingt es den Autoren eindringlich, den Anteil der Wissenschaftler an der NS-Völkermordpolitik aufzuzeigen. Einzelne Historiker bereiteten die Ermordung der Juden vor, indem sie Listen der polnischen Synagogengemeinden erstellten und sie an die NS-Stellen weiterreichten (Th. Schieder). Andere sprachen sich für eine „Entjudung“ aus und lieferten damit die „wissenschaftliche“ Rechtfertigung für das Morden (W. Conze). In der Bundesrepublik hat ihnen das nicht geschadet – beide wurden zu wichtigen Protagonisten der Geschichtswissenschaft. Nach 1950 konnten die „Ostforscher“ ihre Arbeit gar mit öffentlicher Unterstützung fortsetzen und neue Forschungsinstitute gründen – die Schamfrist war abgelaufen. Einen Bruch gab es nicht, die Netzwerke der Völkischen blieben intakt; wer die betreffenden Forscher kritisierte, galt lange Zeit als „Nestbeschmutzer“. Das dürfte ein Hauptgrund dafür sein, dass das Handbuch so lange auf sich warten ließ. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, nur bei einigen Beiträgen hätte man sich ein gründlicheres Lektorat gewünscht. Über weite Strecken aber gelingt es den Herausgebern überzeugend, aktuelle Forschung allgemein verständlich darzubieten. Elke Kimmel

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben