Literatur : LESESTOFF

Ilko-Sascha Kowalczuk

Sven Reichardt, Malte Zierenberg: Damals nach dem Krieg. Eine Geschichte Deutschlands 1945 bis 1949. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2008, 286 S., 19,95 Euro.

Historiker sind sich einig, dass das Jahr 1945 eine Zäsur in der deutschen, europäischen und Weltgeschichte darstellte. Zugleich betonen sie immer, eine „Stunde null“ habe es nicht gegeben. Denn trotz allen Neuanfangs gab es zahlreiche Kontinuitäten. Lange Zeit sah es so aus, als wäre die Nachkriegsgeschichte in Deutschland mit der Gründung der Bundesrepublik und der DDR 1949 beendet worden. Mit heutigem Blick scheint es angemessener zu sein, davon zu sprechen, dass die Nachkriegsgeschichte erst 1989/90 mit der Wiedervereinigung wirklich endete. Die oft erhobene Forderung, die deutsche und europäische Nachkriegsgeschichte 1945 bis 1989/90 als eine gemeinsame zu analysieren und zu schreiben, ist bislang nicht erfüllt worden. Vor allem die unmittelbare Nachkriegsgeschichte bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 bietet Potenzial, tatsächlich eine gesamtdeutsche Geschichte zu schreiben. Die beiden Historiker Sven Reichardt und Malte Zierenberg haben dies versucht in ihrem Buch, das zugleich als Begleitband für die gleichnamige Serie in der ARD fungierte. Es ist ihnen nicht gelungen – ebenso wie ihr gut lesbares Buch keine „Geschichte Deutschlands 1945 bis 1949“ darstellt, sondern lediglich einige Aspekte herausgreift. Sie beschreiben etwa treffsicher die deutsche Zusammenbruchsgesellschaft, die alliierten Bemühungen zur Neuordnung des in Zonen aufgeteilten Staates, die Demontagen in der Wirtschaft und den Wiederaufbau, den Komplex von Flucht, Vertreibung und Integration, den Umgang mit der nationalsozialistischen Verbrechensgeschichte, das Heraufziehen des Kalten Krieges und die allmähliche Teilung Deutschlands. Das alles geschieht sachkundig und sehr anschaulich.

Allerdings wird weder der Titelanspruch eingelöst, eine Gesamtgeschichte zu liefern, noch werden die unterschiedlichen Entwicklungen in den Westzonen und in der Sowjetischen Besatzungszone integrativ, sondern nebeneinander behandelt. Zwar gibt es Bezüge, aber zumeist steht die SBZ-Geschichte nur als Kontrast zur Entwicklung in den Westzonen. Auch fehlen viel zu viele Aspekte, als dass von einer Gesamtgeschichte gesprochen werden könnte. Gleichwohl dürfte das Buch für jene, die über diese Zeit nichts oder nur wenig wissen, als erster Überblick geeignet sein. Ilko-Sascha Kowalczuk

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