Literatur : LESESTOFF

Moritz Schuller

Schon 1944 notierte Wilhelm Pieck im Moskauer Exil, warum es in Deutschland eine Einheitspartei geben muss: „Die SPD wird dadurch ausgeschaltet.“ Mit der Einheitskampagne 1945/46 beginnt diese umfassende Geschichte der SED, sie endet mit der Feststellung, dass die heutige Linkspartei sich noch unzureichend „mit der untergegangenen DDR und ihrer SED-Vergangenheit“ auseinandergesetzt hat. Andreas Malycha und Peter Jochen Winters zeichnen die Geschichte der SED nach, die sich zwischen der Gründung und Neugründung vollzogen hat, und beschreiben detailliert die Modellierung der SED nach sowjetischem Vorbild. Sie weisen darauf hin, dass die Partei, die immer eine Massenpartei blieb und in ihren besten Zeiten fast jeden sechsten DDR-Bürger zu ihren Mitgliedern zählte, sich so über die Jahre eine Form von Restlegitimität zu bewahren vermochte. Moritz Schuller

Die Frage, was jemand am 9. November gemacht hat, ist nicht originell, funktioniert aber: Denn sie produziert Vignetten aus einer dramatischen Nacht. Die einen waren bei Ulrich Schamonis 50. Geburtstag, andere wachten am Sterbebett ihres Ehemannes oder saßen in einer Diskussionsrunde über die Schulpolitik in der DDR im Haus des Lehrers. „Keine besonderen Vorkommnisses“ versammelt Zeitzeugen aus Ost und West, politisch Handelnde wie Privatleute, und bei allen funktioniert die Frage. Unter anderen erzählen Christoph Stölzl, Peter Raue, Lydia Dessau, Lothar de Mazière, Günter Schabowski, Annetta Kahane, Margit Bröhan, Georg Schertz, Walter Momper und Hans Joachim Meyer von ihrem Mauerfall. Besonders eindrucksvoll ist das, was Oberstleutnant Harald Jäger von jener Nacht berichtet, der damals stellvertretende Leiter der Grenzübergangsstelle Bornholmer Straße war: Alleingelassen von der politischen Führung, muss Jäger entscheiden, ob er die Grenze für die anschwellende Menschenmenge öffnet oder nicht. In Zeitraffer durchläuft Jäger alle Stufen der Desillusionierung. Am Ende findet auf der Bornholmer Straße ein Freudenfest statt – und für Jäger bricht eine Welt zusammen. Moritz Schuller

An der innerdeutschen Grenze in Schleswig-Holstein richtete ein Sonderkommando der Staatssicherheit in der Nacht zum 1. Mai 1976 den 32-jährigen Michael Gartenschläger mit 120 Schüssen hin und zerrte ihn auf das Territorium der DDR. In den Stasi-Akten ist später aus dem Bericht der Gerichtsmedizin zu entnehmen: „Vollständig blutdurchtränktes weißes Unterhemd mit mehreren Zerreißungen …“ Das grausame Ende eines kurzen Lebens. Lange vor dieser Aktion war Gartenschläger im Visier der Stasi. Wegen seiner Proteste und Aktionen gegen den Mauerbau verurteilte man ihn 1961 zu lebenslangem Gefängnis. Er war 17 Jahre alt. Sein späterer Fluchtversuch aus dem Zuchthaus Brandenburg scheiterte. Doch nach 10 Jahren Haft durfte er in den Westen ausreisen – freigekauft von der Bundesregierung. Dort wollte sich Gartenschläger eine kleine Existenz und Familie aufbauen, aber die unmenschliche Grenze ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Er organisierte Fluchthilfen für DDR-Bürger und mit dem wiederholten Abbau von Selbstschuss-Automaten SM-70 wollte er der Weltöffentlichkeit beweisen, dass der SED-Unrechtsstaat die Existenz von Tötungsmaschinen bewusst leugnete. Freya Klier schildert mit Fotos, historischen Fakten sowie Interviews mit Freunden, Familienangehörigen und Zeitzeugen das dramatische Leben Michael Gartenschlägers. Die Autorin stellt ihn mit seiner Unerschrockenheit und Zivilcourage in eine Reihe mit dem Nazi-Widerstand der „Weißen Rose“. Ein beeindruckendes Buch. Günter Jeschonnek

– Gabriele Muschter, Rupert Strachwitz (Hg.): Keine besonderen Vorkommnisse. Zeitzeugen berichten vom Mauerfall. Stapp Verlag, Berlin 2009. 318 Seiten, 16,80 Euro.

– Freya Klier:

Michael

Gartenschläger, Kampf gegen

Mauer und

Stacheldraht.

Eigenverlag Bürgerbüro Berlin e.V.,

Berlin 2009.

160 Seiten, 9 Euro.

– Andreas Malycha, Peter Jochen Winters: Die SED. Geschichte iner deutschen Partei. C.H.Beck, München 2009. 480 Seiten,

16,95 Euro.

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