Literatur : LESESTOFF

Claudia Keller

Volker Resing (Hg.): Kerzen und Gebete. Ein geistliches Lesebuch zur friedlichen Revolution 1989. Benno Verlag, Leipzig 2009. 182 S., 9,90 €.

Für Marianne Birthler war die friedliche Revolution 1989 eine „Oster-Erfahrung“. „Als im Land eine große Entmutigung und ein Gefühl von Stillstand und Hoffnungslosigkeit verbreitet war, brach plötzlich etwas Neues auf und alle Türen standen wieder offen“, sagt die Bundesbeauftragte für Stasi-Unterlagen in dem Buch „Kerzen und Gebete“. Der Band versammelt Beiträge von 1989 und Interviews von heute mit zwei Dutzend Bürgerrechtlern, Pfarrern und Bischöfen. Die Gespräche kreisen um die Frage, ob die Vorgänge von damals eine geistliche Dimension hatten, ob es eine „Spiritualität des Protests“ gab. Die Antworten sind unterschiedlich. Der Leipziger Pfarrer Christian Führer spricht von einem „Wunder“, für andere war das Geistliche nur Beiwerk einer „gesellschaftlichen Implosion“. Der Liedermacher und Pastor Jörg Swoboda wirft den Kirchen gar vor, „hinter ihrem eigentlichen Auftrag zurückgeblieben“ zu sein. Einig sind sich alle, dass es das Verdienst der Kirchen war, dass die Demonstrationen gewaltlos verlaufen sind. Ein interessantes Buch, das die Geschichte mit einer ungewöhnlichen Fragestellung beleuchtet. Claudia Keller

Armin Fuhrer: Wer erschoss Benno Ohnesorg? Der Fall Kurras und die Stasi. Bebra-Verlag, Berlin 2009. 157 S., 14,95 €.

Archivarbeit ist, so spotten Historiker, wenn man nicht findet, was man sucht, aber findet, was man nicht gesucht hat. Einem solchen Zufallsfund verdankten wir im Mai die Sensation, dass Karl- Heinz Kurras, jener West-Berliner Polizeibeamte, der am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschoss, IM der Stasi und Mitglied der SED war. Natürlich stellte sich sofort die Frage, welche Wirkung dieser Umstand entfaltet hätte, wenn er schon 1967 bekannt geworden wäre; schließlich hat der Tod Benno Ohnesorgs mehr zur Entwicklung der damaligen Studentenbewegung und ihrer Radikalisierung beigetragen als irgend ein anderes Ereignis. Grundlage der hypothetischen Fragestellung ist natürlich die unausgesprochene Annahme, Kurras hätte einen Stasi-Auftrag gehabt, einen Demonstranten zu erschießen. Auch der Journalist Armin Fuhrer, der sich durch die Kurras-Akten in der Birthler-Behörde durchgearbeitet hat und nun das erste Buch zu Kurras vorlegt, kann einen derartigen Auftrag nicht belegen, da die Akten vom Juni 1967 lückenhaft sind, wobei unklar ist, wann und von wem hier Dokumente entnommen worden sind. Hier nur das MfS zu verdächtigen, heißt zu übergehen, dass westliche Geheimdienste vollkommen legal alle Unterlagen der damaligen Gauck-Behörde inspizieren konnten. Das Buch gewährt einen spannenden Einblick in die Arbeitsweise der Stasi und dessen Top-Agenten Kurras, der ja nicht nur Geheimer Mitarbeiter des MfS, sondern auch Mitglied der SED war. Er kundschaftete die West-Berliner Polizei gründlich und aus Überzeugung aus. Immer wieder verärgerte er dabei seine Führungsoffiziere durch unglaublich riskante Manöver. In den letzten Jahren – bis zum Juni 1967 – gehörte Kurras sogar einer Abteilung an, die nach Verrätern in den Reihen der Polizei zu suchen hatte. Da Kurras in dieser exponierten Stellung die Gelegenheit hatte, andere Stasi-Zuträger zu warnen, geriet er 1965 unweigerlich in Verdacht, für den Osten zu arbeiten und wurde darum sogar observiert. Doch der Verdacht gegen Kurras verflüchtigte sich. Seine Tätigkeit für das MfS endete erst in Folge des tödlichen Schusses auf Benno Ohnesorg – jahrelang vom Dienst suspendiert war er als Spion vollkommen nutzlos. Eine Frage bleibt: Warum schoss Kurras?Uwe Soukup

Roman Grafe (Hg.): Die Schuld der Mitläufer. Anpassen oder Widerstehen. Pantheon Verlag, München 2009. 204 S., 14,95 €.

Erich Loest zitiert aus einem Brief, der Christian Führer in der Hochzeit des Protests 1989 anonym zugespielt wurde: „Wir sind kleinbürgerliche Opportunisten, die selbst in der radikalsten Phase der Auseinandersetzung mit diesem Staat vorsichtig sind. Wir wollen nichts riskieren, sondern nur in der Nähe sein, wenn durch andere etwas passiert.“ Es ist, schreibt Loest, das Hohelied des Mitläufers. Mitmachen war einfach in der DDR, Mitmachen ist immer einfacher und die Mehrheit, meint Wolf Biermann, hatte sich in ihr Schicksal ergeben. Der Journalist Roman Grafe stellte Bekannten, Raddatz, Rathenow, Klier, Krawczyk, aber auch weniger Bekannten die Frage nach Widerstand und Anpassung. Der Mitläufer, ohnehin ein einfacher Typ, wird dadurch nicht beschrieben, sondern sein Gegenspieler: der, der etwas wagt. Grafes Buch gibt jener Minderheit die Stimme, die unter dem Angepasstsein litt und nicht mehr leiden wollte, die einen Ulbricht-Witz erzählten oder aus der DDR flohen. „Zwischen Anpassen und Widerstehen konnte ein jeder sein Maß finden. Wie viele haben dieses Maß ernsthaft gesucht?“, fragt Grafe. Moritz Schuller

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