Literatur : LESESTOFF

Hannes Schwenger

Rüdiger von Fritsch: Die Sache mit Tom. Eine Flucht aus Deutschland. Wolf Jobst Siedler jr., Berlin 2009. 238 S., 19,95 €.

Als Rüdiger von Fritsch – von 2004 bis 2007 Vizepräsident des Bundesnachrichtendienstes (BND) – während seiner Ausbildung 1984 einem Spezialisten des BND die Frage stellte, wie fälschungssicher die Passstempel der sozialistischen Länder seien, erhielt er die Antwort, Fälschungen seien aussichtslos. Da konnte er sich das Grinsen nicht verkneifen, denn zehn Jahre zuvor hatte er als Student seinem Vetter Thomas und zwei Freunden zur Flucht aus der DDR verholfen – mit selbst gefälschten Transitstempeln der bulgarischen Grenzpolizei. Heute erzählt der 56-Jährige „Die Sache mit Tom“ als einen geglückten Jugendstreich, auch wenn damals langjährige Haftstrafen und verpatzte Berufskarrieren auf dem Spiel standen. Es ist nur der Glücksfall des Erfolgs, der so viel jugendlichen Leichtsinn nachträglich rechtfertigt. In Bulgarien sind im Lauf der Jahre immerhin 2000 DDR-Flüchtlinge verhaftet und 18 bei Grenzzwischenfällen getötet worden; einer davon am selben Grenzübergang wie der von Fritsch genutzte. Fast wäre das Vorhaben sogar noch im letzten Moment gescheitert, als die Flüchtlinge kurz vor der Grenze entdecken mussten, dass die Bulgaren die Farbe ihrer Stempel überraschend geändert hatten. Noch einmal musste von Fritsch seine autodidaktischen Fälscherkünste aufwenden, um einen zweiten – dann erfolgreichen – Versuch zu wagen. Selbst die Heimreise in die Bundesrepublik nach geglückter Flucht über die Türkei und Griechenland drohte noch wegen der Zypernkrise zu scheitern, und erst an der deutschen Grenze entdeckte ein – deutscher – Grenzer, dass einer der Pässe am Tag zuvor abgelaufen war. Im Nachhinein wundert es nicht, dass ein so vielseitig begabter, bedenkenlos mutiger junger Mann – aus mutiger Familie (sein Großonkel war der von Hitler entlassene Oberbefehlshaber der Reichswehr) – nicht nur als Fälscher und Fluchthelfer, sondern auch im bürgerlichen Leben Karriere machte: Heute ist er Leiter der Abteilung für Wirtschaft und nachhaltige Entwicklung im Auswärtigen Amt. Eine kleine Amtshilfe hat ihm übrigens damals schon der BND gewährt: Von dort kam, durch Vermittlung seines Vaters, der entscheidende Tipp, wie die richtige Stempelfarbe beschaffen sein musste, um die Kontrolle mit UV- Lampen zu überstehen. Hannes Schwenger

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