Literatur : LESESTOFF

Uwe Schlicht

Jürgen Kaube: Die Illusion der Exzellenz. Wagenbach, Berlin 2009. 94 S., 9,90 €.

Bologna, Studierendenstreiks, Hochschulmisere? Der „FAZ“-Journalist Jürgen Kaube findet zu den bereits seit Mitte der 90er voranschreitenden Hochschulreformen klare Worte: „Bestimmt ist die Reform von Einfallslosigkeit, von primitiven Vorstellungen darüber, was Forschung und Lehre sind, von einer abergläubischen Einstellung zu Kennziffern, Studierquoten, Studiendauern, Abschlusszahlen, Drittmittelsummen.“ Seit Jahren setzt sich Kaube kritisch mit der Hochschulreform auseinander. Als Herausgeber dieses Bandes hat er nun acht Professoren zu Wort kommen lassen. Die Wortwahl einzelner Autoren zur Kennzeichnung der Situation ist problematisch: Wolfgang Eßbach spricht vom Abbau der „Professorendemokratie in den Fakultäten mehr und mehr zugunsten der Diktatur der Universitätsspitze“. Mit dem Vorwurf der Diktatur wird ein Ziel der Hochschulreform herabgesetzt, die Universitätspräsidenten so zu stärken, dass sie die Hochschule strategisch auf ihre Zukunftsfähigkeit hin gestalten können. Da sich solch eine Philippika auch an Laien wendet, ist Einordnung geboten: Seit Mitte der 60er Jahre forderten Wissenschaftsrat und Kultusminister eine Studienzeitverkürzung. Dieses Ziel ist durchschlagend erstmals mit der Bolognareform von 1998 in erreichbare Nähe gerückt. Bis zu der europäischen Verabredung, das Studium in Bachelor und Master zu gliedern, waren die deutschen Hochschulen und Politiker unfähig zu einer großen Studienreform.

Außerdem lebten die Hochschulen in Deutschland in der Illusion, dass sie alle gleich leistungsfähig sein müssten, was sie nicht waren. Erst die Exzellenzinitiative von Bund und Ländern, die einen Wettbewerb um die besten Zukunftskonzepte, die Forschungscluster und die Graduiertenschulen auslobte, fächerte die Hochschullandschaft auf. Mit einem Mal wurden sehr leistungsstarke, durchschnittliche und schwache Hochschulen sichtbar. Wer Rankings wie in den USA für gut hält, muss die Einstufungen nachvollziehbar und messbar machen. Durchgesetzt haben sich in den Wissenschaftsorganisationen die Drittmitteleinwerbung, die Zahl der Sonderforschungsbereiche und Graduiertenkollegs und der Humboldt-Stipendiaten. Das alles hat seinen Niederschlag im Hochschulranking der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefunden und dieses Ranking zeigt erstaunliche Parallelitäten zu den im Exzellenzwettbewerb ausgezeichneten Universitäten. Diese und andere Messverfahren im Wettbewerb wie die Zahl der Publikationen und der Zitate halten vor der Schar der Kritiker, die Kaube um sich gesammelt hat, nicht stand. Aber wie man es besser machen soll, sagen Bruno S. Frey und Ulrich Schollwöck nicht. Was macht Kaube in seinem Generalurteil aus all der Kritik? „Die eingeleiteten Maßnahmen ergeben eine abstruse Mischung aus negativen Erscheinungsformen von Sozialismus und Kapitalismus. Wir simulieren Elite.“Uwe Schlicht

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