Literatur : LESESTOFF

Andrea Nüsse

Rachel Shabi: Wir sehen aus wie der Feind. Arabische Juden in Israel. Berlin Verlag, Berlin 2009. 288 Seiten, 19,90 Euro.

Ausgerechnet der Schauspieler Heiner Lauterbach hat das Thema kürzlich in die deutschen Wohnzimmer gebracht: Als israelischer Kommissar Michael Ochajon ermittelte er in Jerusalem und Tel Aviv einen Mord, der die tiefe Kluft zwischen europäischen und orientalischen Juden in der israelischen Gesellschaft zum Hintergrund hatte. Dass Juden aus arabischen Ländern teilweise bis heute als Bürger zweiter Klasse gesehen und behandelt werden, ist im Westen noch wenig bekannt. Die Journalistin Rachel Shabi, die aus einer irakisch-jüdischen Familie stammt, in Israel geboren wurde, aber in Großbritannien aufwuchs, schildert in ihrem sehr persönlichen Buch anschaulich vor allem die kulturelle Kluft zwischen beiden Bevölkerungsgruppen. Dazu mischt sie persönliche Erlebnisse, Gespräche mit orientalischen Juden und geht anhand von Dokumenten zurück bis in die Zeit der Staatsgründung. Da die aus West- und Osteuropa eingewanderten Juden die treibende Kraft hinter dem Zionismus, der Staatsgründung und dem Aufbau Israels waren, sind die hunderttausenden Sephardim oder Misrachim genannten Juden aus arabischen Ländern zwar als Bevölkerungsmasse willkommen; doch ihre vom Arabischen geprägte Aussprache des Hebräischen, ihre orientalisch geprägte Musik und Kultur wurde als minderwertig angesehen – weil arabisch und damit dem Feind nahestehend. Zur besseren Integration übernahmen viele diese Sicht und verleugneten ihr eigenes kulturelles Erbe. Da die orientalischen Juden immer besonders stark ihre Loyalität zu Israel unter Beweis stellen mussten, so jedenfalls eine der Theorien, haben sie ihren Zutritt zur israelischen Gesellschaft durch besonderen „Araberhass“ sichern wollen. Und auch die Autorin muss schweren Herzens erkennen, dass die Misrachim politisch nicht die Brücke zur arabischen Welt sind, die sie sein könnten. Deutlich wird aber auch, dass für Israel die Anerkennung des arabisch geprägten kulturellen Erbes der orientalischen Juden ein Schlüssel für die Integration in den Nahen Osten sein könnte. Andrea Nüsse

0 Kommentare

Neuester Kommentar