Literatur : LESESTOFF

Paul Flieder: Der Barbier von Bagdad. Leben, Sterben, Glauben im Irak. Residenz Verlag, St. Pölten und Salzburg 2009. 204 Seiten, 19,90 Euro.

Ein guter Friseur ist eine gute Nachrichtenbörse, beginnt Paul Flieder seine Reportage aus dem Irak. Ganze Tage hat der Opernregisseur und Fernsehreporter (für ORF und Spiegel TV) im Salon eines Friseurs in Bagdad zugebracht, um mit Angestellten und Kunden über ihr Leben in der geschundenen Stadt zu sprechen, und mit versteckter Kamera die Stadt erkundet. Das Ergebnis sind „lauter Geschichten, die CNN nicht sendet und die fast niemand bringt“, vom Überleben unter Umständen, die täglich Menschenleben kosten: Eine halbe Million Bombenopfer gibt es inzwischen, die ihre Existenz ohne jede staatliche Hilfe fristen müssen. Die Gesamtzahl der Kriegs- und Terroropfer schätzt Flieder auf eine Million, deren Waisen auf mindestens zwei Millionen. Regierung und Parlament haben sich in der „Grünen Zone“ Bagdads verschanzt, außerhalb haben sich Behörden, andere Institutionen und Firmen selber eingemauert, aus Furcht vor Autobomben und Selbstmordattentätern. Eine Fahrt in die Außenbezirke ist eine Tagesreise, weil Betonhindernisse, Straßenmauern und Kontrollpunkte passiert werden müssen. Die Prognose ist düster. Die meisten erwarten beim Abzug der Amerikaner den offenen Bürgerkrieg, den Einmarsch Irans und/oder die Abspaltung der Kurden im Norden. Flieders Fazit: „Im Irak, wo die Hälfte der Bevölkerung unter 20 Jahre alt ist, wächst eine Generation heran, die keine Perspektiven hat. Außer einer: Terrorismus. Weil sie nichts zu verlieren hat.“ Außer ihre Haare, beim Barbier von Bagdad. Hannes Schwenger

Handbuch der Politischen Philosophie und Sozialphilosophie. Hg. von S.Gosepath, W.Hinsch, B.Rössler. Verlag de Gruyter, Berlin. 1582 Seiten, 198 Euro.

„Bioethik“, „Diskriminierung“ oder „Marktliberalismus“: Was bedeuten diese Begriffe wirklich? Googeln und auf Wikipedia nachlesen? Sicherlich die schnellste, aber nicht immer die fundierteste Variante. Mit dem Handbuch der Politischen Philosophie und Sozialphilosophie (HPPS) gibt es nun eine verlässliche und breite Wissensressource jenseits von inflationär zu Rate gezogenen Onlineenzyklopädien. Die Problemorientierung der Stichworte ist strukturell zeitgemäß konzipiert und von den durchwegs kompetenten Autoren – zumeist Philosophen oder Vertreter angrenzender Disziplinen – sozialwissenschaftlich präzise ausgearbeitet. Debattenprägende Begriffe wie „Minderheiten“, „Biopolitik“ oder „Diskurstheorie“ finden sich ebenso darin, wie glänzend formulierte Einträge zur „deontischen Logik“ . Neben Klassikern wie Locke oder Keynes werden auch postmoderne Denker wie etwa Foucault, Lyotard oder Dworkin behandelt. Eine kluge, wenngleich bei Weitem nicht vollständige Auswahl. Einige der meistdiskutierten Termini werden mit viel Fingerspitzengefühl behandelt und das HPPS wird damit dem Anspruch, die dringenden politisch und sozialphilosophischen Fragen der Zeit terminologisch zu reflektieren, durchaus gerecht. Den Herausgebern ist eine Gratwanderung gelungen: ein sehr lehrreiches, differenziertes Kompendium für ein Fachpublikum, das trotzdem nutzbar ist für Leser ohne Vorwissen. Nicolas Stockhammer

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