Literatur : LESESTOFF

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Stefan Bollinger (Hg.): Linke und Nation – klassische Texte zu einer brisanten Frage. Promedia-Verlag, Wien 2009. 192 Seiten, 12,90 Euro.

Nation und die Deutschen – ein schwieriges Thema. Nation und die Linke – noch schwieriger. Deshalb kommt zum 20. Jahrestag des DDR-Untergangs ein Sammelband „Linke und Nation“ genau richtig. Waren Kommunisten und Sozialrevolutionäre stets stolz darauf, die Nationen als Spalter der Menschheit hinter sich lassen zu wollen, streiten Linke dennoch bis heute darum, was eine Nation ist, wann nationale Befreiungskämpfe richtig sind und was zu tun ist, wenn nationalistische Ideen auch Arbeitern gefallen, obwohl sie sich dadurch ihren eigenen Ausbeutern anbiedern, statt sich mit Arbeitern anderer Nationen zu solidarisieren. Auf knapp 200 Seiten gibt es nicht nur die für das Thema relevanten Schriften von Marx, Lenin & Co. Querverweise und Literaturangaben machen das Buch zu einer Fundgrube, der Leser bekommt einen Überblick über das breite Spektrum linker Ideen: Von den knallharten Internationalisten Luxemburg und Trotzki zu den Großmachtlenkern Mao und Stalin, von den irischen Befreiungskämpfern zu den schwarzen US-Bürgerrechtlern lässt Herausgeber Stefan Bollinger nichts aus. Ein eigenes Kapitel ist dem „deutschen Sonderfall“ gewidmet. Darin zieht der später von der SED ausgeschlossene Kommunist Anton Ackermann 1946 in einem immer noch lesenswerten, hier abgedruckten Essay Bilanz: Dass Hitler erst von außen geschlagen worden ist, sei das deutsche Verhängnis, die gewaltsame Entnazifizierung unersetzbar und ein deutscher Sonderweg zum Sozialismus so unumgänglich. Doch auch zum Schmunzeln bietet das Buch einiges. Etwa wenn Friedrich Engels über nutzlose „Völkerruinen“ in Osteuropa herzieht – schon deren bloße Existenz sei „ein Protest gegen eine große geschichtliche Revolution“. Oder wenn Rosa Luxemburg, polnische Jüdin in Deutschland, gegen Lenin und sein „Selbstbestimmungsrecht der Nationen“ wettert: Entweder die Parole sei eine hohle Phrase oder aber sie führe ins pure Chaos. Lenin wiederum versuchte zwar, die nationalen Minderheiten im russischen Riesenreich für die Oktoberrevolution zu gewinnen. Keinen Spaß verstand der Revolutionsführer aber schon 1920 beim Islamismus: Nationale Befreiungsbewegungen, die vorrangig den Mullahs nützten, gelte es zu bekämpfen. Hannes Heine

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