Literatur : LESESTOFF

Wolfgang G. SchwanitzD

Jytte Klausen: The Cartoons That Shook The World. Yale University Press, New Haven 2009. 230 S., $ 35.

Auch nach Lesen von Jytte Klausens Buch fragt man sich, was die dänische Zeitung „Jyllands-Posten“ wohl bewog, ein Dutzend Mohammed-Karikaturen abzudrucken: Fast 250 Personen, so die in den USA lehrende Klausen, kamen im Folgejahr bei Protesten ums Leben, 800 wurden verletzt. Klausen, bekannt durch ihr Buch über muslimische Eliten Europas, geht sensibel vor: Wie sie zeigt, gibt es wohl noch keine befriedigende Auskunft dafür, warum den Menschen Konflikt plötzlich so viel wichtiger war als Gemeinsamkeit, die sie über Kulturen und Kontinente hinweg vereint. Offenbar häufen sich globale Spannungen, zugleich fehlen lokale Wege ihrer friedlichen Austragung. Die Bilder wirken da wie ein Blitzableiter, der vielen dient. Die Autorin erhellt neue Protestzyklen, Konflikte und Medientrends. Gleichzeitig schrieb ihr Buch selbst Geschichte: Der Verlag weigerte sich, die Karikaturen abzudrucken. Kurt Westergaard, der jüngst einem Mordattentat entkam, würde die Bilder wieder malen. Das wäre, sagt er, ein Weltbarometer für demokratische Werte. Wolfgang G. Schwanitz

Torsten Diedrich: Paulus. Das Drama von Stalingrad. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2009. 580 S., 39,90 €.

„Stalingrad“ symbolisiert eine Wehrmacht, die unterging, weil sie sich freiwillig dem NS-Regime beugte. Am Beispiel des Friedrich Paulus, der die Mentalität „einer ganzen Offiziersgeneration“ verkörperte, erklärt Torsten Diedrich, warum fast kein deutscher General davor zurückschreckte, den Diensteid über das Gewissen zu stellen. Diese erste Paulus-Biografie thematisiert Verantwortung und Zivilcourage. Der 1890 nahe Kassel geborene Beamtensohn war „konservativ-unpolitisch“, loyal und karrieresüchtig. Als „Oberquartiermeister I“ plante der Offizier das „Unternehmen Barbarossa“. Weil Hitler die Kapitulation verbot, hielt er schließlich Stalingrad „bis zum Äußersten“. Als die Niederlage feststand, stärkte Paulus 1944/45 die Reihen des sowjethörigen „Bundes Deutscher Offiziere“. Am 30. Januar 1943, umringt von Leichenbergen, hatte er noch an Hitler gefunkt: „Unser Kampf möge den lebenden und kommenden Generationen ein Beispiel dafür sein, auch in der hoffnungslosesten Lage nie zu kapitulieren, dann wird Deutschland siegen. Heil mein Führer! Paulus“. 1948 gratulierte derselbe Mann Stalin zum 70. Geburtstag. 1953 entließ die Sowjetunion ihren prominentesten Häftling, der fortan in Dresden lebte, wo er eine große Villa bezog, ein Westauto erhielt und Maßanzüge trug.Rolf Helfert

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