Literatur : LESESTOFF

Hannes Schwenger

Mark Mazower: Hitlers Imperium. Europa unter der Herrschaft des Nationalsozialismus. C.H. Beck, München 2009. 666 Seiten, 34 Euro.

Von Hitlers Dolmetscher stammt die nachträgliche Bemerkung: „Die Nazis redeten dauernd von einem Tausendjährigen Reich, aber sie konnten keine fünf Minuten vorausdenken.“ Kürzer lässt sich nicht zusammenfassen, was Mark Mazower, Historiker an der Columbia University und in Deutschland bereits bekannt durch seine Studie über Europa im 20. Jahrhundert „Der dunkle Kontinent“ (DVA 2006) – auf über 600 Seiten zur Charakterisierung von Hitlers Imperium zusammengetragen hat. Tatsächlich hat sich gerade Hitler selbst, anders als seine Minister Ribbentrop, Rosenberg oder auch Heinrich Himmler, kaum konkrete Gedanken über die Zukunft seines in Blitzkriegen zusammengerafften europäischen Imperiums gemacht: Weder über dessen einheitliche Verwaltung, die Himmler mit seiner SS an sich reißen wollte, noch über eine konstruktive „Neue Ordnung“ Europas, wie sie nicht nur Ribbentrop und dem Auswärtigen Amt, sondern auch dem „Achsenpartner“ Mussolini vorschwebte. Hitlers einziges Interesse während seiner Feldzüge galt der Ausbeutung der unterworfenen Länder für die Zwecke der Kriegsführung. Zu diesem Schluss kam schon Mazowers Kollege Adam Tooze in seiner Wirtschaftsgeschichte des Nationalsozialismus („Ökonomie der Zerstörung“, Siedler 2006). Mazower beruft sich für eine bezeichnende Äußerung Hitlers auf Ernst von Weizsäcker, „unsere Nachbarn seien ja doch alle unsere Feinde. Wir müssen sie ausquetschen, können und dürfen ihnen aber nichts versprechen“. Die Alliierten verspottete er noch 1944, weil sie die Zukunft Europas planen würden, bevor sie den Krieg gewonnen hätten. Das taten zwar auch seine einige seiner Leute – das Auswärtige Amt verhieß 1943 die Gründung einer europäischen Nachkriegsföderation als Staatenbund unter Führung der Achsenmächte –, aber Hitler wischte solche Ideen stets vom Tisch. Mazowers Darstellung, die Hitlers Eroberungen Schritt für Schritt folgt und die unterschiedlichen Herrschaftsstrategien seiner Satrapen in den besetzten Ländern belegt, kommt zu dem Schluss: „Europa existierte nur, um den Interessen Großdeutschlands zu dienen.“ Für ihn ist Hitler nicht mehr als ein großdeutscher Nationalist, dem alle Voraussetzungen für den Bau eines dauerhaften Imperiums fehlten, „sowohl die Macht, um allein zu siegen, als auch die politische Vision, um genügend Verbündete zu gewinnen“. Am Ende spielte er Deutschland und Europa in die Hände derer, die er für seine Hauptgegner hielt: Stalins Sowjetunion und die USA. Das war zwar nicht das von ihm für diesen Fall verkündete Ende Europas, wohl aber das Ende der europäischen Weltmacht. Die verheißene „Neue Ordnung“ konnten sich die Völker Europas nur selbst geben. Hannes Schwenger

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben