Literatur : LESESTOFF

Lena Kornyeyeva: Putins Reich. Neostalinismus auf Verlangen des Volkes. Aschenbeck Media UG, Bremen 2009. 184 S., 19,80 Euro.



Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin will die Drahtzieher der Bombenattentate in der Moskauer Metro „vernichten“. Für russische Zuhörer mag das kernig klingen – mit Rechtsstaatlichkeit hat diese Ankündigung wenig zu tun. Doch sie passt zu den Thesen in Lena Kornyeyevas Buch „Putins Reich. Neostalinismus auf Verlangen des Volkes“. Die ukrainische Sozialpsychologin spricht aus, wovor sich westliche Beobachter meist drücken, wenn die Rede auf den Demokratieabbau in der Russischen Föderation kommt: nicht Putin ist das Problem, sondern dass sich die hinter ihm stehende Mehrzahl seiner Untertanen einen mit eiserner Hand regierenden Führer wünscht. Kornyeyeva beschreibt die Ursachen für die Renaissance des Stalinismus in Russland und für die Sehnsucht vieler Russen nach einem Übervater. Sie erinnert daran, dass Russen bis vor 20 Jahren künstlich infantil gehalten wurden, weil man sie mit Waren von oben „versorgte“, jegliche Privatinitiative strafbar war und die staatliche Propaganda – wie heute wieder – allgegenwärtig. Barbara Kerneck

Klaus Hillenbrand: Der Ausgetauschte. Die außergewöhnliche Rettung des Israel Sumer Korman. Scherz Verlag, Frankfurt am Main 2010. 300 Seiten, 19,95 Euro.

Es waren Einzelschicksale wie das der Anne Frank, nicht die abstrakte Millionenzahl der Ermordeten, die den Nachlebenden das Unfassliche des Holocaust nahebringen konnten. So unvorstellbar war das Geschehen, dass selbst Zeitgenossen in Westeuropa und Amerika die ersten Nachrichten über die deutschen Exzesse gegen Juden in Zweifel zogen, bevor einige glücklich Entkommene das ganze Ausmaß des Schreckens bestätigten. Das erste Mal war das der Fall, als Hitlerdeutschland im November 1942 eine Gruppe von 137 Personen nach Palästina ausreisen ließ, darunter polnische Juden, die gegen 300 internierte „Volksdeutsche“ aus Palästina ausgetauscht wurden. Der Jüngste unter den Juden war der 15-jährige Israel Sumer Korman, der von emigrierten Verwandten in Erez Israel erwartet wurde. Die Mutter war bereits ermordet worden, der Vater musste als Zwangsarbeiter zurückbleiben und wurde erst 1945 aus dem KZ befreit. Die Geschichte der dramatischen Rettung des Ausgetauschten, der heute als 83-Jähriger in Australien lebt, ist eines dieser Einzelschicksale, die den Nachlebenden Empathie ermöglichen. Ihre Aufzeichnung verdanken wir der Anteilnahme des deutschen „Taz“-Journalisten Klaus Hillenbrand, der den Leidens- und Lebensweg der Familie Korman um die halbe Welt bis nach Australien begleitete und auch über das Schicksal der – meist straffrei gebliebenen – deutschen Täter und Verantwortlichen nach 1945 recherchierte. Es waren zum Teil die gleichen Personen, die für den Massenterror gegen Juden und den Menschenhandel 1942 verantwortlich waren. Hannes Schwenger

0 Kommentare

Neuester Kommentar