Literatur : LESESTOFF

Hannes Schwenger

Erich Loest:

Prozeßkosten. Bericht. Steidl Verlag, Göttingen 2007. 298 Seiten, 18 Euro.

Prozesse können das Leben kosten. Jedenfalls war das so im Moskau der späten dreißiger Jahre, als Stalin seine eigenen Weggefährten – allesamt – per Gerichtsbeschluss als Volksfeinde und Renegaten liquidieren ließ.

In den „Revisionistenprozessen“ der DDR in den fünfziger Jahren ließ Walter Ulbricht die Angeklagten billiger davonkommen: Sein Konkurrent Paul Merker wurde „nur“ zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt und schon nach einem Jahr wieder freigelassen, nachdem er in weiteren Prozessen gegen andere Angeklagte ausgesagt hatte. Wolfgang Harich, der sich gar bei der Stasi bedankte, weil ihr frühzeitiger Zugriff ihn vor Schlimmerem bewahrt habe, erhielt zehn Jahre, Gustav Just vier und Walter Janka fünf Jahre. Alle Angeklagten nahmen ihre Urteile an – bis auf den Schriftsteller Erich Loest, der seine Haftzeit von sechseinhalb Jahren voll absitzen musste.

Das sind die „Prozeßkosten“, die Loest mit dem Titel seines jüngsten Buches meint. Dort schildert er unter anderem, wie die Generation der damals Älteren ihre Erlebnisse unter dem großen Terror Stalins verschwieg und verdrängte, obwohl Chruschtschow die bittere Wahrheit auf dem XX. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion enthüllt hatte. Alfred Kurella, Direktor am Leipziger Literaturinstitut, an dem Loest studierte, hatte vor seinen Studenten den Tod des eigenen Bruders während Stalins „Säuberungen“ gerechtfertigt: Die Revolution fordere Opfer und er sei dennoch Kommunist geblieben. „Vielleicht, räumte er ein, sei die junge Generation, die vor ihm saß, zu wenig auf die Kompliziertheit des vergangenen wie des künftigen Kampfes hingewiesen, nur ungenügend zu Härte erzogen worden.“

Das wurde alsbald im Zuchthaus Bautzen II nachgeholt, heute ein Ort für historische Ausstellungen. Erich Loest kommentiert das: „Ich betrete Bautzen II nicht, und denen, die das nicht verstehen, sage ich: Ihr habt keine Ahnung, Kinder.“ Wer es dennoch wissen will, dem sei sein Buch nachdrücklich empfohlen. Hannes Schwenger

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