Literatur : LESESTOFF

Stefan Berkholz

Ernst Klee:

Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007. 718 Seiten, 29,90 Euro

Vor vier Jahren publizierte Ernst Klee sein umfangreiches „Personenlexikon zum Dritten Reich“. Damit gab der Journalist zum ersten Mal einen Einblick in seine aufwändig geführte Arbeitskartei. Es ist so etwas wie ein Extrakt seiner jahrzehntelangen Forschungen zum „Dritten Reich“. Nun also die Kultur. Wobei Klee diesen Begriff eigenwillig weit fasst. Er nimmt zum Beispiel auch „Vordenker der NS-Ideologie“ auf sowie Mitglieder des Hochadels. 4000 Namen sind in diesem Band festgehalten: Täter, Wegbereiter, Mitläufer, Widerständige, Opfer. Klee liefert zu ihnen sehr knappe Einträge im zweispaltigen Format, nicht mehr als fünfzehn, zwanzig Zeilen im Durchschnitt, manches Mal mit weiterführender Literatur oder Quellennachweis versehen. Man erfährt, wer auf den Listen der unersetzlichen Schauspieler des Reichspropagandaministeriums, auf der sogenannten Gottbegnadeten-Liste Hitlers von 1944, stand – auch Johannes Heesters zum Beispiel, der heute weiter bestreitet, 1941 im KZ Dachau auch gesungen zu haben. Man liest, dass Luise Rinser Gedichte und Erzählungen im Blut-und-Boden-Stil verfasste, dass der spanische „Akrobat-schö-ö-ön“-Clown Charlie Rivel Anhänger von General Franco war und bevorzugt in Nazideutschland Gastspiele absolvierte.

Die Erinnerungen der Genannten fielen später immer beschönigend, wenn nicht verfälschend aus. Es ist eine sehr beeindruckende Materialsammlung, Grundlage für Generationen. Müßig, nach Lücken Ausschau zu halten. Bei einem Ein- Mann-Unternehmen sind die naheliegend, aber unerheblich mit Blick auf das Resultat. In späteren Auflagen können solche Mängel leicht beseitigt werden. Bedauerlicher ist etwas anderes: Klee hat mitunter Zitate aus fadenscheinigen Erinnerungen ehemaliger Größen der NS-Herrschaft abgedruckt. So können auf einmal Behauptungen zu Tatsachen werden. Das schadet einem Lexikon, das unumstößliche Angaben enthalten sollte – auch und gerade, weil Ernst Klee sein Werk als „lexikalisches Mahnmal“ verstanden wissen will. Stefan Berkholz

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