Lesung : Walser stellt seine Tagebücher in Berlin vor

In seinen Tagebücher verarbeitet Walser den Verriss seines Romans "Jenseits der Liebe". Der ist über dreißig Jahre her, erregt momentan aber mehr Aufsehen als seine Novelle "Mein Jenseits".

Als Frank Schirrmacher neulich im Literarischen Colloquium Berlin mit Martin Walser über dessen Novelle „Mein Jenseits“ und die jüngst veröffentlichen Walser-Tagebücher der Jahre 1974 –1978 diskutierte, äußerte er sein Unverständnis darüber, dass der Schriftsteller sich noch immer von Marcel Reich-Ranickis Verriss seines Romans „Jenseits der Liebe“ verfolgt fühle. Schirrmacher nannte das „pathologisch“. Dieser Verriss aus dem Frühjahr 1976 und Walsers Reaktionen darauf stehen im Zentrum des Tagebuchbandes, fast die Hälfte der Einträge kreisen darum. Tatsächlich vermittelte Walser im LCB den Eindruck, als hätte Reich-Ranicki seinen Roman nicht vor über dreißg Jahren verrissen („ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman“), sondern erst vor kurzem. „Sie nennen das krankhaft, aber das ist existenziell“, konterte Walser, und klar wurde in diesem Augenblick auch, dass es zu einer Versöhnung nicht mehr kommen wird, nachdem Schirrmacher 2002 Walser wegen des Romans „Tod eines Kritikers“ Antisemitismusvorwürfe gemacht hatte.

Interessant ist, dass Walser mit seinem Tagebuchband landauf, landab für mehr Aufsehen sorgt als für seine Novelle „Mein Jenseits“ – so als hätte es nicht gerade eine aufgeregt geführte Hegemann-Plagiatsdebatte gegeben, so als befänden auch wir uns noch mitten in den siebziger Jahren und nicht im Jahr 2010. So selten eine so extreme Autoren-Kritiker-Beziehung wie zwischen Walser und Reich-Ranicki sein mag, so exemplarisch führt sie vor, wie dünnhäutig Autoren sein können, wie schwierig das Verhältnis von Kritikern und Schriftstellern ist. Mag Walser aber heute noch so stark leiden: Jetzt treibt Reich-Ranickis damaliger Verriss die Verkäufe seines Tagebuchbandes in die Höhe. Heute abend, 20 Uhr, stellt Martin Walser das Buch im Berliner Ensemble vor. gbar

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