Lesungstipps : Bücher, die man nur einmal schreibt

Ein Schriftsteller schreibt immer nur über sich. Gerrit Bartels über die höhere Form von Autobiografien.

Gerrit Bartels

Sie gehören zum täglichen Brot aller halbwegs erfolgreichen Schriftsteller: die Fragen nach den biografischen Hintergründen ihrer Bücher. Viele wehren diese Fragen in Interviews und nach Lesungen zumeist routiniert-gelangweilt ab und verweisen auf die Freiheiten, die sie sich in ihren Büchern nehmen; darauf, dass ihre lyrischen Ichs immer auch andere sein können und müssen. Manchmal jedoch sind sie richtiggehend entrüstet, so wie etwa Philip Roth, der in Interviews häufig Klage führt über das schlimmste Missverständnis, „mit dem alle amerikanischen Schriftsteller heute zu kämpfen haben: die Vorstellung, dass Literatur ausschließlich aus biografischen Quellen schöpft“. Oder wie Amos Oz, der in seinem zweifelsohne stark autobiografischen Lebensbuch „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ seine Leser in gute und schlechte unterteilte und letzteren ihre „puritanisch-prüde Feindseligkeit gegenüber dem schöpferischen Werk, gegenüber Erfindung, List und Übertreibung“ vorwarf. Folgerichtig nannte er seine „Geschichte von Liebe und Finsternis“ kurzerhand auch einen Roman.

Andere Autoren begegnen der ewigen Suche nach den biografischen Quellen durch Leser und Kritiker, indem sie selbst schon früh ihre Autobiografien verfassen. Das unter anderem aber auch, wie der kürzlich verstorbene John Updike in „Selbst-Bewusstsein“ bekannte, um sich eben nicht von Fremden „mein Leben, meine Goldmine, meinen Hort an Erinnerungen wegnehmen“ zu lassen. Was jedoch wieder ganz andere Schwierigkeiten mit sich bringen kann, wie der amerikanische Autor James Salter erfahren musste, als er sein Erinnerungsbuch „Verbrannte Tage“ schrieb: „Du schreibst das definitive Buch. Du schreibst es nicht noch einmal. In einem gewissen Sinn ist es, als würdest du dein Leben beenden.“ Leichter haben es dagegen die Autoren, die sich nicht groß grämen und es lieber mit einem Ausspruch Alberto Moravias halten: „Ein Schriftsteller schreibt immer nur über sich. Seine Bücher sind eine höhere Form von Autobiografie.“

Vermutlich hält es auch die 1958 in Gotha geborene und in Berlin lebende Schriftstellerin Kathrin Schmidt mit diesem Satz, gerade nach der Lektüre ihres neuen Romans „Du stirbst nie„. Vor sieben Jahren erlitt Schmidt einen Schlaganfall und hatte in dessen Folge mit einem kurzfristigen Ausfall ihres Sprachzentrums zu kämpfen. In „Du stirbst nie“ erzählt sie die Krankheits- und Genesungsgeschichte einer Schriftstellerin namens Helene, die durch einen Schlaganfall plötzlich eine Frau ohne Sprache wird und erst nach und nach ihr Sprachbewusstsein, ihre Fähigkeit zu sprechen wiedererlangt. Schmidts Roman ist kein Erlebnisbericht, sondern ein schönes Beispiel dafür, wie aus autobiografischem Erleben Literatur werden kann (Do, 7. Mai, 20 Uhr 30, Buchhändlerkeller, Carmerstraße 1).

Auch der große schwedische Romancier Per-Olov Enquist hat gegen den Moravia-Satz sicher nichts einzuwenden, brachte er doch in Büchern wie „Auszug der Musikanten“ oder „Kapitän Nemos Bibliothek“ ausgiebig sein eigenes Leben mit ins fiktive Romanspiel ein. „Ein anderes Leben“, sein neues Buch, ist jetzt jedoch seine ultimative Autobiografie, deren Schreiben aber auch seine Tücken hatte. Das beweist allein der Titel und die Tatsache, dass Enquist von sich in der dritten Person erzählt. Der Grund: Enquist versucht der Zeit auf den Grund zu kommen, in der er dem Alkohol verfallen war. In seiner Autobiografie erzählt er so auch die Geschichte eines Mannes, der durch das Schreiben, durch die Literatur errettet wird (Mo, 11. Mai, 19 Uhr 30, Museen Dahlem, Lansstraße 8).

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