Lexikon : Im Orkus des Zeitgeists

Populäre Lexika sind schwer in Mode. Sie ordnen die Welt auf denkbar einfachste Weise und unterhalten im besten Fall noch dazu – wenn auch auf Kosten ihres Gegenstandes, dem in der Kürze der Texte die Komplexität verloren gehen kann. Nun gibt es ein Lexikon der verschwundene Dinge.

Christoph Schröder

 Die Radiomoderatoren Volker Wieprecht und Robert Skuppin, Jahrgang 1963 bzw. 1964, sind eindeutig Kinder der siebziger und achtziger Jahre. Ihr „Lexikon der verschwundenen Dinge“ erhebt also keinen Anspruch auf Vollständigkeit (was ist in den dreißiger- und vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht alles verschwunden!), sondern konzentriert sich auf das gewaltige nostalgische Potenzial, aus dem auch Florian Illies für seine „Generation Golf“ geschöpft hat.

Was also ist in den vergangenen Jahren denn so alles aus unserem Alltag (oder auch nur aus dem Blickfeld der Autoren) verschwunden? Natürlich die Compact Cassette. Über das emotionale Vakuum, das durch fehlende Mixtapes in unserer Gesellschaft entstanden ist, wurde bereits genug geschrieben; hier erfährt man nichts Neues. Ein wenig anders sieht es aus in dem Kapitel „Klosteine“, in dem nicht nur das Spül- und Reinigungsgebaren der Deutschen dargelegt, sondern noch dazu erklärt wird, dass die Dinger von Anfang an überflüssig waren.

Extrem gemein ist es auch, mithilfe des altbekannten BSE- oder Gammelfleisch-Arguments eine der großen Errungenschaften der deutschen Küche im wahrsten Sinne des Wortes madig zu machen: den Hackbraten. Und auch eine andere (gar nicht deutsche, sondern französische) Institution bekommt ihr Fett weg: „Es gibt wenige Lebewesen, die hässlicher sind als ein frisch geschorener Pudel.“ Da kann man nur entgegnen: Schon mal nach einer durchzechten Nacht in den Spiegel geschaut?

Volker Wieprecht und Robert Skuppin suchen in erster Linie die originelle Formulierung, und sie werfen die Welt der Dinge und die Welt der Ideen wild durcheinander. Helden und Ehre, Kaugummiautomaten und Missionarsstellung, Margot Honecker und die Friedensbewegung – alle gelandet im Orkus der Historie oder des Zeitgeistes. Wer ein Buch mit solchen Feststellungen braucht? Kein Mensch natürlich. Aber manchmal sitzen wir ja auch zu Hause und gucken schön „Bonanza“.

Volker Wieprecht/Robert Skuppin:

Das Lexikon der verschwundenen Dinge. Rowohlt Berlin Verlag 2009, 288 S., 17,90 €

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