Literarische Institution : Amman-Verlag: Leidenschaft reicht nicht zum Leben

Traurige Nachricht mit Signalwirkung: Warum mit dem Ammann Verlag eine literarische Institution verschwindet. Eine Analyse.

Christoph Schröder

Klickt man die Homepage des Ammann Verlages an, so empfängt den Besucher die Mitteilung, dass der Doppelband mit Abraham Sutzkevers „Gesängen vom Meer des Todes“ und den Aufzeichnungen aus dem Wilnaer Ghetto aus den Jahren 1941 bis 1944 auf Platz 3 der ORF-Bestenliste zu finden sind. Eine bibliophile Ausgabe, gebunden, im Schuber. Eine verdienstvolle Verlegerleistung, die es definitiv nicht zum Bestseller bringen wird. Das war auch nie das Ansinnen von Egon Ammann und seiner Lebens- und Verlegerpartnerin Marie-Luise Flammersfeld. Und aus diesem Grund ist möglicherweise der Zeitpunkt, nicht jedoch der Umstand an sich überraschend, dass die Verlagsleitung nun verkündet hat, dass das Frühjahrsprogramm 2010 nach 29 Jahren das letzte sein wird.

Der Ammann Verlag macht dicht. Das ist eine traurige Nachricht und eine mit Signalwirkung für die Branche. „Die Gründe für diesen Entschluss“, so heißt es in der offiziellen Erklärung, „liegen im fortgeschrittenen Alter der Verleger und in einer Marktsituation, die für Literatur zunehmend schwieriger wird“. In der Tat dürften es gleich mehrere Beweggründe sein, die zur Aufgabe geführt haben: Verleger Ammann, der im kommenden Jahr 70 Jahre alt wird, ist gesundheitlich angeschlagen. Vor allem jedoch dürfte es die Situation auf dem Buchmarkt sein, die selbst ein Durchhalten bis zum 30. Geburtstag im Jahr 2011 unmöglich gemacht hat.

Die Nischen, in denen eine Buchkultur fern des Massenpublikums überleben kann, werden weniger und enger. Immer weniger Großverlage verkaufen immer mehr Bücher; die Konzentration auf die Spitzentitel steigt; ein Umstand, der mit Sicherheit auch der Konzentrationstendenz im Buchhandel geschuldet ist. Dass der Ammann Verlag seit einigen Jahren nicht nur eine Vertriebskooperation mit dem S. Fischer Verlag betrieb, sondern auch von dessen Verlegerin Monika Schoeller als stiller Teilhaberin finanziell unterstützt wurde, konnte das Aus nicht abwenden, sondern nur hinauszögern. Dabei ist es noch nicht einmal so, dass der Ammann Verlag, der sich als feste Größe im literarischen Betrieb etabliert hatte, ausschließlich Minderheiteninteressen bedient hätte, im Gegenteil: Mit Eric-Emmanuel Schmitt („Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“) hatte Ammann sogar einen veritablen Bestsellerautor in seinen Reihen.

Doch das lag und liegt weit weniger im Interesse des Duos Ammann/Flammersfeld als die literarische Qualität. Im ersten Programm 1981 erschien Thomas Hürlimanns Debüt „Die Tessinerin“, das umgehend mit dem aspekte-Literaturpreis bedacht wurde. Hürlimann blieb bis heute Ammann-Hausautor; Julia Franck veröffentlichte hier ihr erstes Buch; Schriftsteller wie Ulrich Peltzer hat Ammann mit Beharrlichkeit durchgesetzt. Ein besonderer Schwerpunkt lag stets auf den Übersetzungen, allen voran die von Swetlana Geier besorgte und hoch gelobte Dostojewskij-Übersetzung, die im Herbst abgeschlossen sein wird. Doch auch Mammutprojekte wie jüngst Les Murrays „Fredy Neptune“ fanden bei Ammann ihren Platz, ganz zu schweigen von Autoren wie Fernando Pessoa, Ossip Mandelstam, Ismail Kadare oder Georges-Arthur Goldschmidt. Doch mit aufwendigen Übersetzungsprojekten war nicht genug Geld zu verdienen.

Nach der Edition Urs Engeler streicht mit Ammann ein weiterer anspruchsvoller Literaturverlag die Segel; andere befinden sich in schweren Gewässern. Dieser Schritt ist kein Alarmsignal. Im Grunde ist es viel schlimmer: Er ist die logische Konsequenz einer nicht mehr aufzuhaltenden Entwicklung, die der Leidenschaft für die Literatur enge Grenzen setzt.

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