Literarischer Pflegefall : Das Treiben der Keile

"Erlöser AG": In Björn Kerns Roman gründen ein Journalist und ein Arzt eine Agentur, die Greise und Schwerkranke auf deren Unterschrift hin tötet.

Christoph Schröder
Björn Kern
Björn Kern: "Die Erlöser AG". -Foto: Promo

Kein Text hat beim diesjährigen Bachmannwettbewerb in Klagenfurt Jury und Publikum so polarisiert wie der von Björn Kern. Der 29 Jahre alte Schriftsteller las einen Auszug aus seinem Roman „Die Erlöser AG“. Es ging um das Altern und den Tod, um den Prozess des Verfalls und seine unschönen Randerscheinungen und um einen Pfleger, der sich über die Alten köstlich amüsiert.

Die Reaktionen waren gespalten – die einen fühlten sich moralisch erpresst, andere lobten Kerns Mut; der wiederum sagte den verhängnisvollen, vermutlich der Nervosität geschuldeten Satz, er hätte von Erzählperspektive keine Ahnung, wohl aber von Altenpflege. Nach der Lektüre des Romans muss man konstatieren: Kern hat die Wahrheit gesagt. Die Geschichte spielt in einer unbestimmten Zukunft. In Berlin leben die alten Menschen in Ghettos; die Bundesregierung setzt den Paragraphen 216 außer Kraft und stellt die Tötung auf Verlangen straffrei. Der verkrachte Journalist Paul Kungebein gründet daraufhin mit dem Arzt Hendrik Miller eine Agentur, die Greise und Schwerkranke auf deren Unterschrift hin tötet. Allein die Nacherzählung des Plots legt nahe, dass hieraus allenfalls eine Satire zu stricken gewesen wäre. Björn Kern wollte das wohl, doch er hat zudem ein moralisches Anliegen. Das Ergebnis ist eine unselige Ansammlung von pseudohumorigen, albernen und peinlichen Einfällen („Ruf! Mich! An! Eine Achtzigjährige präsentierte ihre Oberweite, dann erschien Werbung für Gehhilfen und Treppenlifte“), von platten Gewissenserforschungen und niveaulosen ethischen Positionskämpfen. Das Schlimmste aber ist Kerns vor Floskeln und Stereotypen nur so strotzende Sprache. Keine Seite, auf der nicht „ein Keil in die Gesellschaft getrieben wird“ oder „kein Stein auf dem anderen“ bleibt. „Die Erlöser AG“ liest sich wie ein Sci-Fi-Groschenheftchen. Grenzwertig ist es, wie Kern Körpersäfte verspritzt und Schmerz und Siechtum als Schockeffekte einsetzt. Es gibt für einen Prosaautor keine Verpflichtung, die Regeln des guten Geschmacks einzuhalten. Wohl aber eine Verpflichtung zur literarischen Gestaltung. Diese sucht man in „Die Erlöser AG“ vergebens.

Björn Kern: Die Erlöser AG. Roman. C. H. Beck, München 2007, 272 S., 17,90 €

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