Literatur : Adolf Endler ist tot - ein Nachruf

Dichtende Widerworte: Adolf Endler, West-Ost-Flüchtling und „Tarzan am Prenzlauer Berg“, ist im Alter von 78 Jahren gestorben.

Gregor Dotzauer
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Aparte graugelbe Urne mit Riss. Adolf Endler in seinem Berliner Arbeitszimmer.Foto: dpa

Wer und was er war, in ebenso deutlichen wie poetischen Worten auszudrücken, dafür genügten ihm notfalls drei Zeilen: „Ein fadenscheiniges Protestvergißmeinnicht; fiepend; / und mit grinsend verblühender Pfote – / Die Besondere Note.“ Adolf Endler war ein Dichter der Widerworte, der Widerborstigkeit, des Widerstands und ein silbenverschlingender Auskoster jedweden Widersinns. Mit selbstbewusster Selbstironie, scheute er sich nicht, eine solche Charakteroffenbarung als „Reklame für Adolf Endler“ zu bezeichnen.

Wie trotzig, ungnädig und ungerecht er auch austeilte, er versöhnte immer mit seinem Witz – und verschonte mit galligem Spott auch nicht sich selbst. Welcher andere Dichter seiner Generation (außer Peter Rühmkorf) hätte es gewagt, so sehr mit seiner Gebrechlichkeit zu kokettieren, etwa in der „Urne“ aus seinem jüngsten Gedichtband „Krähenüberkrächzte Rolltreppe“ (Wallstein): „Grüß Gott! rief ich, Tach!, /Als ich sie herbeitorkeln sah, / Die aparte graugelbe Urne ,A.E.’; / Und, wie jeder sich denken kann, / Nicht ganz ohne misslichen Riss /Dieses Dings - /„You’re welcome!“ So klang Endler. Endler alias der „Tarzan am Prenzlauer Berg“. Alias Bubi Blazezak. Alias Bobbi „Bumke“ Bergermann – oder mit welchen Identitäten er sonst noch sein Spiel getrieben hat. Auch das eigene Alter war für ihn schon früh ein Anlass literarischen Spiels: ob er in „Schichtenflotz“ Geschichten „aus dem Seesack eines Hundertjährigen“ zum Besten gab oder ob er als 22-Jähriger in sein Tagebuch notierte: „Wenn es mir gelingt, älter als dreißig Jahre zu werden, dann werde ich ein bedeutender Dramatiker. – Dies mit achtzig nachlesen!“

Weder aus dem einen noch dem anderen ist jetzt etwas geworden: Endler ist dem Tod, der ihn seit geraumer Zeit verfolgte, am vergangenen Sonntag nicht mehr von der Schippe gesprungen. Er wurde 78 Jahre alt. Noch seinen 77. Geburtstag hatte er in der Berliner Literaturwerkstatt öffentlich gefeiert.

Endler, am 10. September 1930 in Düsseldorf geboren, gehörte wie Peter Hacks zu den West-Ost-Flüchtlingen. Die Bundesrepublik fand er so ungemütlich, dass er 1955 zum Studium ans Johannes-R.-Becher-Institut in Leipzig, das heutige Literaturinstitut, ging. Anders als der alerte Hacks wurde er in der DDR aber auch nicht wirklich heimisch. Schon 1965, als sich nach dem 11. Plenum des ZK der SED die DDR kulturpolitisch einzumotten begann, begannen die Reibereien und die Produktion für die Schublade. Endlers sozialistische Freigeisterei mündete 1979 in den Ausschluss aus dem Schriftstellerverband. Den Zorn, der ihn danach überfiel, hat er in dem erst jetzt erschienenen Text „Nächtlicher Besucher, in seine Schranken gewiesen“ festgehalten.

Die Kollegen, denen er sich in der DDR verbunden fühlte, hießen Karl Mickel (mit dem er 1966 die Lyrikanthologie „In diesem besseren Land“ herausgab), Heinz Czechowski, Volker Braun und Sarah Kirsch. Seine literarischen Wahlverwandten waren weiter verstreut. Er bewunderte Sprachverdreher wie Kurt Schwitters und Alfred Jarry, scharfsinnige Geister wie Karl Kraus und Georg Christoph Lichtenberg und Großepiker wie François Rabelais und Hans Henny Jahnn. Dass er neben ihnen gar keine schlechte Figur macht, hat man erst nach der Wende erkannt – Gott sei Dank noch nicht zu spät.

Ein Vers von ihm lautet: „Kommt Zeit, kommt Packeis.“ Zu fürchten ist, dass uns ab sofort noch etwas viel Schlimmeres bevorsteht: eine endlerfreie Ewigkeit.

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