Literatur : Aura des Ostens

Eine Studie empfiehlt der literarischen Szene in den neuen Ländern Sponsoring und Eventkultur.

Marianna Lieder
Mueller
Heiner Müller (Archivbild von 1994) -Foto: dpa

Ihrem offiziellen Selbstverständnis nach war die DDR – wie ihr einstiger Kulturminister und Hymnendichter Johannes R. Becher sagt – eine „Literaturgesellschaft“. Die Wahrung des idealistisch-humanistischen deutschen Erbes unter sozialistischen Vorzeichen wurde ebenso zur Staatsaufgabe erklärt wie die Förderung einer regimekonformen Gegenwartsliteratur. Als zwangsläufige Reaktion auf die umfassende kulturpolitische Reglementierung, die Zensur und das Fehlen einer kritisch-medialen Öffentlichkeit wurde bei den Bürgern des „Leselandes DDR“ der Sinn fürs Subversive und Doppeldeutige geschärft. Die Schriftsteller reizten die Möglichkeiten der camouflierten Regimekritik und des Gerade-noch-Sagbaren aus; die Leser trainierten ihre Fähigkeit, den verborgenen Sinn zu erspähen.

Mit dem Fall der Mauer fand sich die literarische Szene in Ostdeutschland nicht bloß von offiziellen und inoffiziellen Kontrollmechanismen befreit, sondern auch in ihrem Selbstverständnis erschüttert. Heiner Müller hat mehrfach in Interviews geäußert, auch deshalb von der Wiedervereinigung enttäuscht zu sein, da ihm nun der Systemkonflikt fehle und somit die Relevanz seines Schaffens. Zwar wirkten die Bedeutung und der hohe Stellenwert, die der Literatur zu DDR-Zeiten zugesprochen wurde, in den vergleichsweise intensiven Lesegewohnheiten der Ostdeutschen noch bis zur Jahrtausendwende nach. Allerdings war im Jahr 2008 auch davon laut „Stiftung Lesen“ nichts mehr übrig. Das Leseniveau im Westen wurde gar um einen Prozentpunkt unterschritten.

Wie sich vor dem Hintergrund des soziokulturellen Wandels seit Ende der DDR die sogenannte Vermittlungsarbeit von Literaturhäusern und vergleichbaren Einrichtungen in Ostdeutschland gestaltet, hat der Hildesheimer Literaturwissenschaftler Stephan Porombka zusammen mit Kai Splittgerber in einer „Studie zur Literaturvermittlung in den fünf neuen Bundesländern zu Beginn des 21. Jahrhunderts“ genauer in Augenschein genommen. Der Ertrag der sechs Monate dauernden Untersuchungen lässt sich grob so zusammenfassen: Es gibt für alle Aktivitäten zu wenig Geld.

Von staatlicher Seite chronisch unterfinanziert ist demnach vor allem die Förderung und Vermittlung von Gegenwartsliteratur, der in den ostdeutschen Bundesländern maximal 0,2 Prozent des jeweiligen Kulturetats zur Verfügung stehen. Die meisten der aufs knappe staatliche Budget angewiesenen Institutionen seien in erster Linie damit beschäftigt, den Kopf über Wasser zu halten, und hätten weder Zeit noch Mittel noch Mitarbeiter zur Planung und Gestaltung eines attraktiven Programms. Auch den konkreten Verzahnungen für diese Misere wird in der Studie nachgegangen: Unter anderem könne man deshalb nicht mehr Geld erwarten, weil die Kargheit der öffentlichen Fördermittel in einem tradierten, „konventionellen Literaturverständnis“ begründet sei. Eben dieses Verständnis sei der Grund dafür, dass man der Literatur in erster Linie die Funktion der kulturellen Bildung zuschreibe und sie als Gegengift zur Unterhaltung betrachte. „Abgemildert, doch zugleich fortgeschrieben, wird damit das Literaturverständnis der DDR“, so das Fazit.

Doch ist dies, Porombka zufolge, noch lange kein Grund zur Verzagtheit. Es gibt eine Chance, sich aus eigener Kraft von den letzten Fesseln des überkommenen DDR-Literaturbegriffs und dem Schraubstock der öffentlichen Hand der wiedervereinigten Republik zugleich zu befreien. Die Literaturvermittler müssten sich lediglich um höhere Besucherzahlen und private Stifter bemühen.

Selbstverständlich müsste zu diesem Zweck das – auch unter Literaturhausleitern weit verbreitete – konventionelle Literaturverständnis aufgebrochen werden. In Anbetracht der zeitgenössischen Gewohnheiten der Medienrezeption dürften dann Lesungen nicht mehr nur in einer „Atmosphäre der Meditation und Konzentration“ stattfinden, sondern müssten „Eventcharakter“ erhalten. Es gehe darum, in der Programmplanung „kreativ“ zu sein, was heißen soll, sich an Markterfordernissen und der Unterhaltungsindustrie auszurichten, dann klappe es auch mit den Sponsoren. Die Veranstaltungsräume wären nicht länger „unauratische Orte“ und die Literaturvermittlung schließlich in den Stand der „ästhetischen Praxis“ erhoben. Die Pointe ist, dass die Studie, deren Verfasser für diese Form ästhetischer Praxis plädieren, selbst vom Kulturstaatsministerium finanziell gefördert wurde.

Die Studie steht als Download unter www.literaturhaus.net zur Verfügung.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben