Literatur aus Katalonien : Die Wunden der Diktatur

Sechs Jahre hat Jaume Cabré an seinem 700 Seiten starken Roman „Die Stimmen des Flusses“ gearbeitet. Cabré hatte sich dabei, wie er selber sagt, an keinem Entwurf orientiert, er fing einfach an zu schreiben an dieser organisch wachsenden Geschichte.

Roman Rhode
Jaume Cabré
Jaume Cabré: "Die Stimmen des Flusses". -Foto: Promo

Berlin"Schreiben“, sagt Jaume Cabré, „bedeutet für mich Zweifeln.“ Ein Zweifler aber ist der 1947 in Barcelona geborene Autor nicht. Eher einer, der genau abwägt, der seinen Figuren die widersprüchlichsten Facetten abgewinnen kann, sich auf deren moralischen Werdegang einlässt, ohne dabei je den Zeigefinger zu erheben. Die selbst wie ein Fluss durch die katalanische Bergwelt des Pallars rauscht, an manchen Biegungen etwas zur Ruhe kommt, um dann den Leser bis zum Schluss mitzureißen. Wohin mündet dieser Fluss mit all seinen Stimmen? Cabré erzählt die Geschichten von über 30 Personen, fügt sie kaleidoskopisch zusammen, durchdringt unterschiedliche Zeiten, Epochen und Themen oft in einem einzigen Absatz. Wer war Oriol Fontelles, der kurz nach Ende des Spanischen Bürgerkriegs eine Stelle als Dorfschullehrer angetreten hatte und wenig später, angeblich als Märtyrer der Falangisten, den Tod fand?

Um diese Frage dreht sich, vordergründig, der Roman. Tina Bros, eine junge Gymnasiallehrerin in persönlicher Krise, begibt sich auf Spurensuche, als sie im Jahr 2002 zufällig die Hefte Fontelles’ findet, der es nicht geschafft hat, seine Aufzeichnungen der nie gesehenen Tochter zukommen zu lassen. Fontelles’ Wunsch – seht her: so bin ich wirklich gewesen – blieb zu Lebzeiten ungelesen. Doch seine Flaschenpost bekommen – heute – andere in die Hände; vielleicht gelingt es ihnen dadurch, die Vergangenheit zu entschlüsseln. Der Spanische Bürgerkrieg und die darauffolgende 40-jährige Diktatur Francos bewegen noch immer die Gemüter im Lande. Aber „Die Stimmen des Flusses“ verweigert sich eindeutigen Positionen, das macht die Lektüre unbequem. Die Handlanger des Regimes erweisen sich als ebenso kompromisslos, verschlagen und brutal wie die Freischärler des Maquis. Und zwischen diesen Fronten, auch zwischen seiner schwangeren Frau und einer schönen Gutsherrin, steckt dieser Dorfschullehrer, empfindsam, kraftlos, zum Gehorsam gezwungen und schon dadurch dem Tod geweiht.

Cabré spürt einer grausamen Diktatur nach, die in dem fiktiven und doch so realen Dörfchen Torena bis in die Kneipen, Wohnzimmer und kalten Ehebetten reicht. Eine dunkle, graue Zeit, geprägt von Zorn und Schweigen. Doch Cabré hört in dieses Schweigen hinein und legt bedrückende Gedanken frei. Virtuos, wie er es versteht, Tagträume und Wirklichkeit miteinander zu konfrontieren, wie er das Schweigen aufbrechen lässt durch die Erinnerung.

Jaume Cabré, der auch Drehbücher fürs katalanische Fernsehen geschrieben hat, gibt sich in seinem Roman einem epischen Gestus hin, der dramaturgisch so ausgereift ist, dass man das Buch nicht mehr zuschlagen möchte. Dabei ist seine Sprache ganz dicht am Alltag, durchsetzt von feiner Ironie, sie klingt und swingt in jedem Satz. Cabré schreibt auf Katalanisch, und diese Sprache mit ihren nasalen Lauten und eleganten Verschleifungen hört sich an wie ein samtweicher Fluss. Der Übersetzerin Kirsten Brandt, die sich hier an eine schwierige Aufgabe gemacht hat, ist es zu verdanken, dass sie den Duktus respektiert hat, das ist Klang genug. Kein Zweifel: „Die Stimmen des Flusses“ ist einer der großen Romane dieses Jahres.

Jaume Cabré: Die Stimmen des Flusses. Roman. Aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt. Insel Verlag, Frankfurt a. M. 2007. 667 Seiten, 22,80 €

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