Literatur BETRIEB : Das große Berlinern

Gerrit Bartels

Wer sich in der Causa Suhrkamp auskennt, konnte sie kaum übersehen: die kleinen gelben Aufkleber, die nach der Buchmesse in Frankfurts Stadtteil Sachsenhausen an Ampeln, Schildern und Bäumen pappten und die Aufschrift „Sparr dir Berlin“ trugen, entworfen von der „Initiative Ulla Schmidt zurück nach Hanau e.V.“ Das war ein hübscher Scherz, der da auf Kosten von Suhrkamp-Geschäftsführer Thomas Sparr gemacht wurde. Wer den Aufkleber ernster interpretieren wollte, konnte ihn verstehen als letztes Frankfurter Aufbäumen vor dem Umzug des Suhrkamp Verlages nach Berlin. Suhrkamp aber „sparrt“ sich lieber Frankfurt, und da mochte selbst Joachim Unseld nach einem langen, zähen Kampf nicht mehr im Weg sein: Er verkaufte, wie vor einer Woche allseits vermeldet, seine zwanzigprozentigen Verlagsanteile zu gleichen Teilen an Ulla Unseld-Berkéwicz und die Familienstiftung, der nun 61 Prozent des Verlages gehören, und an den Medienunternehmer Hans Barlach und seine Medienholding AG Winterthur, die die restlichen Anteile besitzt. Somit wird auch Unselds Klage hinfällig, die er gegen den Umzugsbeschluss angestrengt hatte, weil sein Votum als Gesellschafter missachtet worden war.

Nun könnte eigentlich alles gut und grün werden, doch wie frei die Nerven bei Suhrkamp liegen, wie angespannt die Lage letztendlich war und vermutlich noch ist, bewies letzte Woche ein Offener Brief, den Thomas Sparr an die „Die Welt“ richtete. Darin beklagt er sich über die Suhrkamp-Berichterstattung der Zeitung in den Jahren seit Siegfried Unselds Tod 2002. Das mag angehen, besonders zimperlich ist kaum ein Medium mit dem Verlag umgegangen. Vor allem aber hat Sparr es auf den Frankfurt-Korrespondenten der „Welt“ abgesehen, der zumeist über die Suhrkamp-Turbulenzen berichtet hatte. Diesen zeiht Sparr nicht nur der Kumpanei mit Joachim Unseld, sondern er unterstellt ihm gleich noch berufliche Vorteilsannahme.

Um es mit einem Dreisatz des Suhrkamp-Autors Andreas Neumeister („Könnte Köln sein“) zu sagen: Könnte schmutzige Frankfurter Wäsche sein; könnte Neu-Berliner Schnauze sein; ist unter der Gürtellinie, vor allem aber: nicht besonders souverän. Es grummelt weiter im Inneren des Verlages, der Weg, irgendwann ein normaler, x-beliebiger, sich ausschließlich um Bücher und Bilanzen kümmernder Mittelstandsverlag zu werden, ist ein langer. Das beweist dieser Offene Brief genauso wie eine weitere Personalie aus dem Verlag. Denn verabschiedet hat sich auch schon wieder Laurenz Bolliger, der erst im Juni bei Suhrkamp und Insel die Programm- und Marketingleitung der Taschenbuchprogramme im Bereich der internationalen Literatur übernommen hatte. Bolliger kam vom Berlin Verlag, hatte vor Suhrkamp aber eine ihm zugesagte Stelle als Programmleiter bei Eichborn gar nicht erst angetreten.

Wie so oft üben sich beide Seiten über die Gründe der Trennung in Stillschweigen. Man fragt sich jedoch, was für ein Klima im Suhrkamp Verlag herrscht. Ob da alle Mitarbeiter von heute auf morgen mit einem lustigen gelben „Smiley“-Anstecker („Wir sparren uns Frankfurt“) und auch einem Lächeln im Gesicht herumlaufen, wenn sie ab 4. Januar 2010 in die Berliner Pappelallee arbeiten? Auf den Briefen aus Frankfurt steht die neue Adresse schon drauf, genauso die zukünftigen Telefonnummern der Mitarbeiter. Und vielleicht wird sich das Übergangsquartier gar nach Berliner Art als Dauerlösung erweisen – ganz sicher aber als Ort, den der Verlag nach zwei Jahren ungern wieder verlässt: Das Umfeld stimmt, in diesem Teil von Prenzlauer Berg steckt viel Leben.

Was sich von der Umgebung der Brüderstraße, wo das noch nicht bezugsfertige neue Verlagsdomizil steht, das Nicolai-Haus, nicht sagen lässt. Die Leipziger Straße, die Friedrichsgracht, viele Plattenbauten, ein pittoreskes Touristenviertel, das Schloss, den BND und das Außenministerium in Laufnähe, über der Leipziger die Fischer-Insel – das alles hat was von einer No-Go-Area, der steinernen Öde wegen, die hot spots von Mitte jedenfalls sind weit weg. Aber das muss ja zunächst nicht das Schlechteste sein: Am Rande lässt es sich für Suhrkamp in Berlin womöglich besser neu aufstellen.

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