Literatur BETRIEB : Das große Kennenlernen

Gerrit Bartels trifft bei Frau Graf Herrn Nolte und Frau Schön

Gerrit Bartels

Auch ein Vollprofi wie der Journalist und Schriftsteller Mathias Nolte ist nicht frei von Nervosität. Dass er Chefredakteur von Magazinen wie „Forbes“, „Ambiente“ oder „Penthouse“ war, dass er als Chefredakteur des Schweizer „SonntagsBlicks“ den Schweizer Botschafter in Berlin zu Fall brachte – all das hilft Nolte nichts, als er an einem heißen Frühsommerabend in den Arbeits- und Wohnräumen der Literaturagentin Karin Graf aus seinem hübschen und unterhaltsamen Berlin-Roman „Roula Rouge“ vorliest. Fahrig lehnt er mit ein paar Manusskriptblättern an einem Türrahmen, und mit zittrigen Fingern raschelt er beim Lesen mit den Seiten. Vielleicht hat er sich die einleitenden Worte der Gastgeberin einfach zu sehr zu Herzen genommen. Karin Graf hatte einen der anwesenden Literaturjournalisten mit dem nicht von ihm stammenden flehentlichen Ausspruch „Bitte keine Lesung jetzt!“ zitiert, natürlich nur um zu sagen, dass man darauf keine Rücksicht nehmen könne.

Nolte schlägt sich trotzdem wacker, und nach der Lesung ist er wieder ganz bei sich: eine coole Sau, die das Geschäft kennt und weiß, dass sie selbst hier bei der eigenen Buchpremiere nicht mehr als eine Nebenrolle spielt. Nolte amüsiert sich wie Bolle und ist zu jedem Schwatz bereit. „Am Samstag feiert Matthias Matussek Geburtstag. Da muss ich mir was einfallen lassen, das soll eine 70er-Jahre-Themenparty werden. Was zieht man da an?“ Die Antwort fällt leicht – kanariengelbes Hemd mit großem Kragen, Jeans mit Schlag, Stiefeletten, Matussek-Sticker.

Schwerer zu beantworten ist die Frage, wer an so einem Abend eigentlich die Hauptrolle spielt? Die Agentin macht die Honneurs und die Gäste miteinander bekannt, auf dass diese gute Gespräche haben mögen, wie sie sagt. Etwa die vielen anwesenden Lektorinnen von Filmproduktionsfirmen, die Noltes Buch schon mal auf Drehbuchtauglichkeit prüfen, mit den ebenfalls zahlreich anwesenden Vertretern der Printmedien. Werden Letztere einander vorgestellt, läuft das oft so: „Gestatten Sie, das ist Frau Schön vom ,Stern‘, und das ist Herr Bartels vom Tagesspiegel.“ „Aaah, Herr Bartels, wie schön“, sagt dann Frau Schön, „aaah, Frau Schön“, sage ich, „wie schön“, und schon ist das Gespräch vorbei. Eine Runde weiter fragt jemand: „Aber mich kennen Sie doch, Voigt, Jutta Voigt?“ Na klar, ich kenne Jutta Voigt, ich habe schon Texte von ihr gelesen, und eine weitere Dame fragt: „Auch schon mal den Namen Vogel gehört?“ So lernt man sich kennen, ohne ins Gespräch zu kommen oder über den Autor des Abends und sein Buch ein Wort zu verlieren. In seinem Film ist jeder sein eigener Star.

Wie ein Mahnmal zu diesem zwang- und folgenlosen Hin und Her wirken in den schönen GrafRäumlichkeiten die vielen Bücherregale mit den nicht nur von der Agentur gemakelten Büchern. So stehen da zum Beispiel der Flaubert-Briefwechsel in der zweibändigen Gallimard-Ausgabe, Prousts „Recherche“ in der dreibändigen Pleiade-Ausgabe, Nabokovs Romane in deutschen Erstausgaben, Richard Fords grandioser neuer Bascombe-Roman „The Lay Of The Land“.

Der Betrieb ist das eine, die Literatur das andere. Das lässt sich sehr gut auch an einer obligaten Betriebsfigur wie Joachim Unseld studieren. Geht es um die Bücher seines Verlages, der Frankfurter Verlagsanstalt, kann keine noch so aufdringliche Presseabteilung mit ihm konkurrieren. Unseld steigt einem sogar aufs Klo hinterher und wirbt beim Pinkeln für neue Romane einer Marion Poschmann oder eines Bodo Kirchhoff. Steht man aber bei der alljährlichen FVA-Buchmessenparty in Unselds Haus zu späterer Stunde herum, kann es schon mal vorkommen, dass Unseld die erste Seite der „Recherche“ auf Französisch rezitiert oder er mit leuchtenden Augen von Kafka schwärmt. In solchen Augenblicken ist er ganz der Literatur zugetan – nicht den Geschäften, nicht dem Betrieb.

Mathias Nolte möchte von diesen Unterscheidungen gar nichts wissen. Er freue sich über die bisherige Resonanz auf sein Buch, Matusseks „Spiegel“ zum Beispiel habe ein Rezensiönchen gebracht, erzählt er im Hause Graf noch und verabschiedet sich mit den Worten: „Wir können ja mal essen gehen!“

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