Literatur BETRIEB : Das große Murmeln

Gerrit Bartels verbindet Chile mit Littell, Handke und Suhrkamp

Gerrit Bartels

Es hat viel Charme, fünf Wochen am anderen Weltende so gar nichts von den Literaturgeschehnissen hierzulande mitzubekommen. Ein Land wie Chile hält sich selbst für den Nabel der Welt, hier braucht man, so Isabel Allende, „nur einen Stein anzuheben, und statt einer Eidechse kriecht ein Dichter oder Liedermacher darunter hervor“. Das ist übertrieben, aber die 49 Sprachen, in die Luis Sepulveda übersetzt worden ist, sind erstaunlich. Auch nicht ohne sind die sieben, auf die es Carla Guelfenbein oder Ramón Díaz Eterovic bringen, oder die vier, in die Pedro Lemebel übersetzt ist. Die chilenische Bestsellerliste führt gerade Isabel Allende an, mit ihrem Buch „La Suma De Los Días“, gefolgt von Noah Gordon oder Alessandro Baricco, aber auch von einem Außenseiter wie Roberto Bolano mit „Die wilden Detektive“.

Deutschland aber, deutschsprachige Literatur? Fehlanzeige! Kein Klinsmann bei Bayern, ein Zehnzeiler über die Wahlen in Hessen und Niedersachsen, und in den Buchläden Santiagos Grass, Grass und Grass und einmal Norbert Gstrein mit „Das Handwerk des Tötens“, warum auch immer. Aber auch Jonathan Littell mit „Las Benévolas“, womit wir zurück in Deutschland wären: Kaum wieder in Europa, und das hatte seinen eigenen brutalen Charme, blickte einen am Flughafen in Paris aus dem „FAZ“-Feuilleton Jonathan Littell an, stand in der „SZ“ ein kryptisches Gedichtchen von Martin Walser: „Mir ist zum Umarmen keiner zu schrecklich“. Nur ein Schelm, der denkt, dass das mit dem Vorabdruck von Walsers Roman „Ein liebender Mann“ zu tun hat. Walser aber muss sich gedulden, der Vorabdruck wird mehr ein die Veröffentlichung seines Romans begleitender Nebenabdruck, weil die „FAZ“ der Meinungs- und Deutungshoheit wegen schnell noch 120 Seiten von Littells Monsterroman vorzog, anmoderiert unter dem Titel: „Seid ihr überhaupt sicher, dass der Krieg vorbei ist?“. In der „FAZ“ sicher nicht. Hier wird die Thematik NS-Zeit obsessivst verhandelt. Zuweilen macht es den Eindruck, als bestehe in Frankfurt die kulturelle Gegenwart nur in der Beschäftigung mit Deutschlands Dunkelvergangenheit.

Seinen eigenen diskreten Charme hat es dann, wenn im selben Blatt ein paar Tage vor dem Littell-Trara die Vergangenheitsseligkeit der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur beklagt wird: „Vergangenheitsliteratur von heute“. Das hat in Zeiten des Erfolgs einer Julia Franck oder demnächst eines Marcel Beyer („Kaltenburg“) sicher seine Richtigkeit, ist ausgerechnet in der „FAZ“ aber ein guter Witz, zudem ein nicht so ganz taufrisches Debattenanstößchen. Die Klage über die Gegenwartslosigkeit der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur kommt ungefähr, Pop hin oder her, alle sechs Monate, und gegen Julia Franck, Arno Geiger etc. ließen sich ja in diesem Frühjahr spontan Michael Kumpfmüller, Dirk Kurbjuweit und Sherko Fatah anführen (oder Detlef Kuhlbrodt, hach!).

Und ewig grüßt das Murmeltier, ohne aber Suhrkamp auf der Rechnung zu haben. Barlach und Grossner hat man ja wegen Verleumdung verurteilt; parallel dazu gab es aber noch eine kleine Briefaffäre zwischen Suhrkamp, Peter Handke und der „FAS“. Der Verlag hatte einen Brief von Handke zu den Ereignissen von damals mit dessen Einverständnis redigiert und weitergeleitet, was die „FAS“ naturgemäß nicht so lustig fand. Aber auch Handke meint jetzt, dass seine Kritik an Suhrkamp ruhig hätte drin bleiben können und teilte das neulich der „FAS“ mit. Und so weiter und so fitzelig. Haben die (wir) sie noch alle?

Oder muss an dieser Stelle jetzt doch ein kleiner Extrakasten eingerichtet werden mit Suhrkamp-Meldungen, Arbeitstitel „Unsere Suhrkamps“. Oder: „Gute Zeiten, Suhrkamp Zeiten“. Darin könnte man vermelden: Suhrkamp veröffentlicht Florian Havemanns nach zahlreichen persönlichkeitsrechtlichen Einwänden zurückgezogenen Roman ab kommenden Dienstag im Netz, mit geschwärzten Stellen. Oder: Der bei Suhrkamp auf Deutsch erscheinende Roman „Die Frau unseres Lebens“ von Carla Guelfenbein ist ein sehr anständiger, hat sogar Bestsellerpotenzial. Dafür aber müsste der Suhrkamp Verlag auch mal über die Veröffentlichung hinaus tätig werden und vielleicht was vom Werbeetat für Isabel Allende abzweigen.

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