Literatur BETRIEB : Das große Nachkarten

Gerrit Bartels

A lso noch mal Daniel Kehlmann und „Ruhm“. Ein Buch des „triumphalsten Literaturstars des Landes“ („Vanity Fair“ in seiner allerletzten Ausgabe) kann halt nicht so schnell den Lesern überlassen werden. Schon die nervösen Begleiterscheinungen der „Ruhm“Veröffentlichung hatten es ja in sich: Die vom Rowohlt Verlag mit Androhung einer hohen Vertragsstrafe versehene Sperrfrist wurde zwar eingehalten. Kehlmann-Interviews, -Vorabdrucke und -Porträts gab es bis dahin jedoch so einige, und Rowohlt verklagte schließlich den „Spiegel“ für seine als Porträt verschleierte „Ruhm“-Rezension.

Nun gibt es ein weiteres Kehlmann-Debättchen. Dabei geht es um den Umgang der Literaturkritik mit dem Autor und seinem Buch. „Der Ruhm und die Rüpel“ war letzte Woche ein Aufmacher im „FAZ“-Feuilleton überschrieben. Kehlmann wird darin vor vorgeblich übelwollenden Kritikern und Medien in Schutz genommen, unter anderem, man höre und staune, vor der Stadtillustrierten „Journal Frankfurt“. Die Autorin des Artikels, Literaturchefin der „FAZ“, beklagt die „sich häufenden Entgleisungen“ gegenüber Kehlmann, etwa, dass er immer als „Wunderkind“ bezeichnet werde oder dass man ihm „Germanisten- und Kritikerprosa“ vorwerfe. Sie überschlägt dann aber auch, dass sein Buch „überwiegend positiv rezensiert worden sei“.

Na also, denkt man, was soll das Ganze? Braucht der arme Kehlmann eine so gewichtige Verteidigerin? Kann er nachts nicht mehr schlafen? Muss er Thomas Glavinic per SMS dieses Mal nicht seine Auflagenzahlen schicken, sondern sein Leid klagen? Und was sollen andere Autoren und Autorinnen sagen, deren Bücher – mit auch nicht immer hieb- und stichfesten Argumenten – verrissen oder kaum bis gar nicht beachtet werden?

Dass es mit der Rezeption von „Ruhm“ schwer werden würde, gerade nach dem Erfolg von „Die Vermessung der Welt“, war Kehlmann ebenso bewusst wie den Kritikern. Dass sich da eine außerliterarisch motivierte Erwartungshaltung in die Rezensionen einschleichen könnte. Diese hieß es auszuschalten, was nicht immer gelungen sein mag. Doch muss es erlaubt sein, „Ruhm“ nicht ganz so genial, weltliterarisch und Italo-Calvinohaft zu finden, wie es die „FAZ“ offensichtlich tut. Selbst „triumphalste Literaturstars“ müssen kritisiert werden dürfen. Was sich angesichts ihres Erfolgs und mit Rücksicht auf das große Publikum oft als schwer erweist: Eine Million Leser können nicht irren. Trotzdem kann ein Buch schlecht geschrieben sein. Was selbst in den für Bestseller inzwischen üblichen „Phänomenbetrachtungen“ ruhig wieder gesagt werden sollte. Und das Schöne bei Kehlmann-Büchern ist ja gerade, dass es sich mit ihnen noch intensivst literaturkritisch auseinandersetzen lässt, anders als etwa mit Büchern von Stephenie Meyer, Ildiko von Kürty oder Carlos Ruiz Zafón.

Daniel Kehlmann hat gerade in der Literaturzeitung „Volltext“ darauf hingewiesen, dass er „sehr viel Glück“ mit den Kritiken gehabt habe, „und selbst die kritischen waren überwiegend ernst und respektvoll“. Allerdings meinte er im selben Interview, dass man ihm gesagt habe, im Literaturbetrieb hätten sich „gewisse Ressentiments“ gegen seine Person aufgebaut, weil man ihm „die eineinhalb Millionen verkauften Bücher einfach nicht verzeihe“. Er scheint das für bare Münze zu nehmen. Und hat dann doch ein paar Breitseiten gegen die Kritiker losgelassen und gefragt, „warum es Leute gibt, die freiwillig diesen Job ausüben“. Das sei wie bei Zahnärzten, nur seien diese besser ausgebildet – worüber man sich natürlich streiten kann. Richtig ist: Zahnärzte erhalten anders als Literaturkritiker eine lange Ausbildung. Ob sie dann gut sind und ihren Job beherrschen, ist eine andere Frage.

Selbst wenn das mit den Ressentiments so wäre, müsste Kehlmann darüberstehen können – gerade wegen seines großen Erfolgs. Doch ist er wohl noch eine Idee zu verstrickt in einen Betrieb, dem er locker entwachsen sein könnte.

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