Literatur BETRIEB : Das große Zähneklappern

Gerrit Bartels

In den Führungsetagen der mittelgroßen Verlage ging es zuletzt zu wie auf dem Trainermarkt der Bundesliga am Ende dieser Saison: Ein reges Kündigen und Verpflichten war das, das selbst für Laurenz Bolliger einen guten Ausgang nahm: Nachdem Bolliger beim Berlin Verlag gekündigt hatte, wo er für die Taschenbuchreihe verantwortlich war, um die Belletristik bei Eichborn zu übernehmen, machte er im letzten Augenblick einen Rückzieher und stand ohne Arbeitgeber da. Aber nur kurze Zeit: Bolliger übernimmt nun die Programm- und Marketingleitung des Bereichs internationale Literatur in den Taschenbuchprogrammen der Verlage Suhrkamp und Insel.

Auch beim Berlin Verlag fand man für Bolliger schnell Ersatz und verpflichtete zum 1. Juli die bisherige Kiepenheuer & Witsch-Lektorin Birgit Schmitz, die dann die Programmleitung für den Berlin Verlag und den zugehörigen Taschenbuch Verlag innehat. Nimmt man den neuen Programmleiter bei Eichborn hinzu, Karsten Kredel, vorher Lektor bei Suhrkamp, kann man gar von einem Generationenwechsel sprechen: Alle drei sind Mitte dreißig, waren gute Lektoren und müssen sich nun als Programmleiter bewähren.

Etwas überraschend dagegen war, dass der einstige Piper-Verlagsleiter Wolfgang Ferchl jetzt beim Knaus Verlag untergekommen ist – die bisherige Knaus-Verlagsleiterin Claudia Vidoni muss laut Auskunft des Hauses „ihre erfolgreiche Arbeit im Knaus Verlag als Cheflektorin Belletristik fortsetzen“. Das klingt nach Degradierung. Doch wie man hört, soll Ferchl Knaus vor allem bei den Sachbüchern voranbringen, was er ja schon bei Piper sehr erfolgreich getan hatte – und mit Walter Kempowski, Irène Némirovsky oder John Burnside hat sich Knaus nurmehr in der Belletristik hervorgetan.

Überhaupt dürfte Ferchl weniger ein Knaus- als ein Random-House-Zugang sein: Knaus gehört zum Bertelsmann-Imperium, möglicherweise hatte man dort keine andere Stelle frei. Überraschend ist dieser Random-House-Neuzugang nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise, die langsam auf den Buchmarkt übergreift. Im Mai hatte Bertelsmann-Chef Hartmut Ostrowski in der „FAZ“ angekündigt, den härtesten Sparkurs in der Geschichte des Unternehmens einzuschlagen, und für die Verlage „eine Kombination aus Preispolitik und Arbeitsplatzabbau“ vorgesehen. Einen profilierten Verleger wie Ferchl wollte man sich da aber kurz vor Toresschluss, sprich Kostensenkung, nicht entgehen lassen.

Fürchten bei den großen Verlagen Angestellte um ihre Jobs, vielleicht auch die Autoren um ihre Vorschüsse und Veröffentlichungen, so geht es bei den kleinen um die Existenz. Letzte Woche wurde bekannt, dass der für seine vorbildlichen Lyrikeditionen bekannte und preisgekrönte Schweizer Verlag Urs Engeler Editor im Herbst sein letztes Programm macht – weil der Mäzen des Verlages keine Geldmittel mehr bereitstellt. Der Kölner Verlag Tisch 7 macht keine Bücher mehr, der Wiener Mandelbaum Verlag steht vor dem Abgrund, weil auch hier Geldgeber sich zurückgezogen haben. Und auch beim Berliner Verbrecher Verlag sah es bis vor zwei Wochen sehr eng aus – hätte es nicht, wie Verleger Jörg Sundermeier berichtet, zwei große Features über Rudolf Lorenzen gegeben, was mehrere hundert Buchbestellungen zur Folge hatte. Und hätte sich nicht der 75. Geburtstag von Peter O. Chotjewitz auf dessen Buchverkäufe positiv ausgewirkt.

Eng ist es bei den kleinen Verlagen immer, vor den Buchverkäufen kommt hier seit je die Leidenschaft für das Büchermachen, doch die Krise macht sich eben auch hier bemerkbar. Das Problem sei, so Sundermeier, dass inzwischen auch die Buchhandlungen mit Anspruch die Krise gewissermaßen antizipieren und keine Bücher der kleinen Verlage mehr bestellen würden – und die Sichtbarkeit, die Tatsache, dass es Bücher des Verbrecher Verlags, von Berenberg oder Matthes & Seitz überhaupt gibt, dass man sie sich anschauen kann, ist noch immer das A und O des Buchverkaufes, Amazon hin oder her. „Selbst die schönste, enthusiastische Besprechung in einer Tageszeitung“, weiß Sundermeier, „ist ja kein Grund, ein Buch blind zu kaufen. Der Leser will da auch mal drin blättern und überlegen, ob das Buch wirklich was für ihn ist.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben