Literatur BETRIEB : Der große Malchow

Gerrit Bartels spürt der KiWi-Kultur nach

Gerrit Bartels

Als vor genau zwei Jahren in den Kulturteilen der Zeitungen der Streit um Volker Weidermanns „Kurze Geschichte der Literatur von 1945 bis heute“ tobte, orakelte der Literaturkritiker Hubert Winkels, dass man unsere Zeit „irgendwann im Begriff der Kiepenheuer & Witsch-Kultur zu fassen bekommen“ könnte. Winkels meinte das mit der „KiWi–Kultur“ in Abgrenzung zu der jahrzehntelang die Bundesrepublik dominierenden Suhrkamp-Kultur: Der Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch als Forum für die gegenläufigsten Kräfte von Hochkultur bis Pop, von Uwe Timm bis Joachim Lottmann, von Dieter Wellershoff bis Helge Schneider, als Forum für Emphatiker wie Gnostiker, um bei den von Winkels damals ausgemachten Lagern zu bleiben, als Forum für Winkels genauso wie für Weidermann.

Wie es um die „KiWi–Kultur“ bestellt ist, wie der Verlag und sein Leiter Helge Malchow ohne Reibungsverluste Medien- und Literaturwelt vereint, davon konnte man sich kürzlich auf zwei Buchpremieren ein gutes Bild machen: bei der Vorstellung von Rainer Schmidts Jugendporträt „Wie lange noch“, als KiWi-Paperback erschienen. Und ein paar Tage später bei der von Michael Kumpfmüllers Politroman „Nachricht an alle“, bei KiWi als Hardcover veröffentlicht.

Allein die Veranstaltungsorte hatten es in sich. Hier, bei Schmidt, der Weinkeller vom Borchardt, der obersten Medienrestaurantbutze der Berliner Republik; und dort, bei Kumpfmüller, die altehrwürdige Akademie der Künste am Hanseatenweg. Hier sehen, gesehen werden und alles schön heiß- und wichtiglaufen lassen; dort Kunst, Kultur und Politik. Auch die Laudatoren und Mitdiskutanten waren vielsagend: Hier der Feuilletonleiter der „FAS“, Claudius Seidl, der eine weirde Lobrede auf Schmidts Buch hielt; dort Joschka Fischer, der mit Kumpfmüller über „das Politische“ in dessen Roman diskutieren sollte (und vermutlich ungewollt demonstrierte, dass es nicht die beste Idee des Verlags war, Kumpfmüller nach einem Gespräch mit Wolfgang Schäuble in der „Zeit“ ein weiteres Mal auf einen Politiker treffen zu lassen: Literatur und Politik lassen sich nicht so ohne Weiteres abgleichen – Kumpfmüller kam im Gespräch mit Fischer nicht gut weg).

Bände sprachen auch die Gästelisten. Im Borchardt-Weinkeller tummelten sich neben dem Popkonzertveranstalter Axel Schulz vor allem Zeitungs- und Magazinjournalisten, viele davon natürlich auch Buchautoren, viele davon von „Vanity Fair“ – was daran liegt, dass Rainer Schmidt bis zu Ulf Poschardts Demission „Vanity-Fair“-Vizechef war und kurz darauf gleichfalls seinen Hut nahm. Da begegnete einem ein junger, leider oft sehr verstrahlter Kollege, der meinte, „der Claudius“ habe doch ziemlich lange geredet. Dann frohlockte er, dass sogar „der Ulf“ da sei, und auch „der Robin“ und „die Barbara“. Da plauderte es sich an anderer Stelle ohne Reue darüber, wie gut „der Rainald“ aussähe oder was für einen sexy Eindruck Jonathan Littell bei seinem am gleichen Abend stattfindenden Deutschlandbesuch gemacht hätte. Und da stand Schmidts Agentin schon auf sehr verlorenem Posten, als sie die Literarizität von Schmidts Buch hervorheben wollte.

Ihr kongenialer Platz wäre eher in der Akademie der Künste gewesen. Hier war an diesem Abend das gesammelte Feuilleton erschienen, um dem aktuellen Trend der Politisierung der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nachzuspüren. Hier hieß es, auf Draht zu sein und sich nicht lang und breit über schlaflose Nächte oder Sockengrößen zu ergehen, hier hieß es, die Bücher von Kumpfmüller, Sherko Fatah oder Dirk Kurbjuweit schlau zu bewerten („der hat doch keine Sprache“, „alles Klischees“, große Poesie“!). Und hier konnte man gut beobachten, wie sich um Malchow auch viele in der DDR sozialisierte Schriftsteller scharen, so Jan Faktor, Jens Sparschuh oder Kathrin Schmidt.

Sie alle wiederum beweisen, dass KiWi die Gratwanderung zwischen Hoch und Pop, zwischen Schnelldrehern und an einem Werk interessierten Schriftstellern problemlos bestreitet – oder genau das gar nicht als Gratwanderung begreift, sondern als natürliches Mit- und Nebeneinander. Dass im Borchardt wie in der Akademie ordentlich getrunken wurde, verstand sich übrigens ganz von selbst.

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