Literatur BETRIEB : Die großen Erfolge

Gerrit Bartels

Letzte Woche war die Leiterin der Suhrkamp-Presseabteilung, Tanja Postpischil, in Berlin. Das ist nichts Ungewöhnliches, weil der Suhrkamp Verlag bekanntlich nächstes Jahr von Frankfurt nach Berlin zieht. Doch kam Postpischil dieses Mal nicht, um sich nach einer Wohnung umzusehen, den potenziellen Verlagssitz in der Brüderstraße zu inspizieren oder andere Aufgaben im Zusammenhang mit dem Umzug wahrzunehmen. Nein, sie war auf Literaturredaktionsbesuch, um Titel vorzustellen, die im Herbst erscheinen. Aufgrund der vielen Turbulenzen nach Siegfried Unselds Tod 2002 geriet ja gern mal in Vergessenheit, dass Suhrkamp auch Bücher veröffentlicht, bisweilen gar ganz erfolgreiche. Als Postpischil trotzdem Fragen zum Umzug beantworten soll, tut sie das mit einem leicht genervten Augenrollen. Nein, hundertprozentig sicher ist der Bezug des Hauses in der Brüderstraße noch nicht. Ja, Joachim Unseld hat geklagt, die Anklageschrift liegt dem Verlag aber noch nicht vor. Und doch, doch, zwei Drittel der Suhrkamp-Mitarbeiter ziehen wenigstens mit, und Neuanstellungen soll es auch in Berlin geben.

Lebhafter wird Postpischil bei der Vorstellung des neuen Programms. Von Dietmar Dath gibt es beispielsweise einen neuen Roman, was keine Überraschung ist – jede Saison gibt es ein neues Buch von Dath. In der „Zeit“ hat Dath zwar gerade verkündet, das Arbeiten aufgegeben zu haben. Er meint damit aber – er ist ja gelernter Dialektiker – dass es für ihn Unterscheidungen zwischen Beruf und Vergnügen und sonst was gar nicht mehr gibt: Arbeiten ist für ihn die ultimative Seinsweise, die alles andere aufhebt.

Eine Überraschung dagegen ist, gerade in einem Programm mit Dath, dass es von Rainald Goetz wieder ein Buch geben wird. Denn Goetz’ langes Schweigen bis zu seinem Internetblog „Klage“ hatte zu mancher Spekulation Anlass gegeben und war in umgekehrt proportionale Beziehung gesetzt worden zu den unermüdlichen Buchveröffentlichungen von Dath.

„Loslabern“ soll das Buch heißen, trägt die Gattungsbezeichnung „Bericht“ und dürfte sich nicht groß von „Klage“ unterscheiden. Mutmaßliche Blockaden scheint Goetz überwunden zu haben. Es gibt natürlich viele andere neue Bücher bei Suhrkamp, unter anderem von Lutz Seiler, Volker Braun, Tristan Egolf oder Nuruddin Farah. Was jedoch auffällt: Es sind nicht ganz so viele wie im Frühjahr (in der Regel ist es umgekehrt), und vielleicht wird das Programm jetzt wirklich gestrafft, gerade vor dem Hintergrund der mutmaßlich angespannten ökonomischen Situation bei Suhrkamp und nicht zuletzt der aktuellen Wirtschaftskrise.

Diese aber scheint auf die Verlage bislang keine großen Auswirkungen zu haben, geklagt wird wenig. Womöglich hat Daniel Kehlmanns erfolgreiches Buch „Ruhm“ tatsächlich das entscheidende positive Signal für den Buchmarkt gesetzt. Vom Hanser Verlag hieß es neulich, dass die Fachbuch- und Fachzeitschriftengruppe mit hohen Anzeigenverlusten zu kämpfen habe. Belletristik und Sachbuch aber stünden gut da, genau wie die zu Hanser gehörenden österreichischen Verlage Zsolnay und Deuticke. Letzterer führt etwa Daniel Glattauer im Programm, dessen trashiger zweiter E-Mail-Roman „Alle sieben Wellen“ Spitzenplätze in den Bestsellerlisten belegt. Überhaupt die Bestsellerlisten: Sie sind seit einigen Wochen ein einziges Trauerspiel, zumindest für Literaturkritiker. Von sechsmal Stephenie Meyer über Sarah Kuttner und Charlotte Roche bis zu Markus Heitz stehen dort bis auf wenige Ausnahmen (Kehlmann, Tellkamp, Bennett) Titel, die nicht unbedingt literarische Gütesiegel tragen.

Lesefutter vor Ästhetik, ein Symptom der Krise? Nicht einmal die Gewinnerin des Preises der Leipziger Buchmesse, Sibylle Lewitscharoff, hat sich mit ihrem Roman „Apostoloff“ in den Top 50 platzieren können. Das weist unter anderem darauf hin, dass der Leipziger Preis gegenüber dem Bruder aus Frankfurt, dem Deutschen Buchpreis, erheblich an Zugkraft eingebüßt hat. Lewitscharoff ist übrigens Autorin von Suhrkamp. Und deren Presseleiterin fragt am Ende unseres Gesprächs noch fröhlich provozierend: „Was machen Sie eigentlich, wenn wir in Berlin sind und alles ruhig seinen Gang geht?“ Ganz klar: Bücher lesen und besprechen.

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