Literatur BETRIEB : Große Zeiten, ganze Zeiten

E s sind wieder bewegte Suhrkamp-Zeiten. Nicht nur, dass der Verlag von Frankfurt nach Berlin umgezogen ist, er feiert in diesem Jahr auch sein 60-jähriges Bestehen. Gerrit Bartels über das Jubiläumsprogramm des Suhrkamp Verlages.

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 Also hat der Suhrkamp Verlag seinem gewöhnlichen Frühjahrsprogrammheft noch ein fein in blaues Leinen gebundenes dreihundertseitiges Buch mitgegeben, in dem das Umzugs- und Jubiläumsprogramm mit Auszügen aus den jeweiligen Büchern präsentiert wird.

„Die ganze Zeit“ heißt dieses Buch, und allein dieser dem neuen Werk von Oswald Egger entnommene Titel soll auf das ewig Besondere, auf den ewigen Anspruch dieses Programms und des Verlages überhaupt verweisen. In gewohnt gewundenen Worten schreibt die Verlegerin im Vorwort, dass dieses neue Programm „von den nächsten Schritten“ handele, „von der weiteren Ausdeutung und Freilegung dessen, worauf die 60 Jahre gründen, das heißt von seiner Verlängerung in die Zukunft statt seiner Musealisierung.“

So kann man es ausdrücken, wenn ein Verlag mit seinen Pfründen wuchert. Wenn also Suhrkamp, wie so oft, seinen Backkatalog in den Vordergrund stellt und 1900 Seiten Joyce-Prosa oder 2000 Seiten Brecht-Prosa in der Quarto-Reihe genauso als Neuerscheinung preist wie das erstmals vollständig aus dem Nachlass publizierte „Kriegstagebuch“ von Ingeborg Bachmann, den fünften Band der Koeppen-Gesamtausgabe genauso wie das kürzlich entdeckte dritte Tagebuch von Max Frisch aus dem Frühjahr 1982.

Ausdeuten und Freilegen nennt Unseld-Berkéwicz dieses Retroverlegen, diesen Angriff der literarischen Vergangenheit auf die übrige Zeit. Zwischen Bänden der Nelly-Sachs-Gesamtausgabe, gesammelten Aufsätzen von Peter Hacks und der Chronik von Siegfried Unseld versteckt sich dabei allerdings das Gegenwärtige mehr, als dass es herausragen würde, ein neuer Roman von Hans-Ulrich Treichel etwa, „Grunewaldsee“, der jüngste Roman der Prix-Goncourt-Preisträgerin Marie N´Diaye, „Drei starke Frauen“, oder ein weiterer Band aus dem Homo-duplex–Romanzyklus des niederländischen Autors A.F. Th. van der Heijden, „Das Scherbengericht“.

Auch Christa Wolfs neuer, für Juni angekündigter Roman „Stadt der Engel“ sei erwähnt, schon wieder zwei Dath-Bücher und natürlich Oswald Egger, der aus seinem achthundertseitigen Opus magnum schon beim letzten Kritikerempfang auf der Buchmesse vorgelesen und damit eher für genervte Heiterkeit als gespanntes Interesse gesorgt hatte. So wie Unseld-Berkéwicz Egger und sein Buch vorab feiert, das nurmehr lyrisch geschulte, sich gern an höchster Sprachartistik delektierende Leser ansprechen dürfte, erinnert das an den Einsatz von Siegfried Unseld 1985 für die Österreicherin Marianne Fritz und ihren dreitausendseitigen Monsterroman „Dessen Sprache du nicht verstehst“ (von Thomas Bernhard „als größte verlegerische Peinlichkeit, die mir bis jetzt bekannt ist“ bezeichnet).

Und so wie dieses 119. Suhrkamp-Programm tatsächlich mehr eine „Verlängerung in die Zukunft“ ist als eine Zukunftsvision, erinnert es an ein anderes Jubiläumsprogramm: an das sogenannte Weiße Programm, das es 1982 statt Neuerscheinungen gab. Aus Anlass des 33-jährigen Bestehens veröffentlichte der Verlag seinerzeit 33 für seine Geschichte repräsentative Titel. Ein konsequentes Innehalten war das. Nur ist so was heute nicht mehr möglich, wie selbst die Unseld-Witwe weiß, verhalten sich doch „das Fernsehen und die anderen Massenmedien“ zu Büchern, „zum geschriebenen Wort“ „wie die Atombombe zum Faustkeil“. Potzblitz, Donner: Nur gut, dass es den Suhrkamp Verlag und seine Chefin gibt. Nur gut, dass Unseld-Berkéwicz die merkwürdigerweise immer wieder von ihr beschworene Ortlosigkeit und Beweglichkeit mit guten alten Werten und Werken, den Beharrungskräften alter Meister zu verbinden weiß.

Dass Letztere auch für den größten Umsatz sorgen, sie nicht nur eine Basis darstellen, die es zu erhellen und zu erhalten gilt, wie die Verlegerin fabuliert, sondern sie den Verlag selbst erhellen und erhalten – das steht auf einem anderen Blatt und wird von Unseld-Berkéwicz wie viele andere den Verlag betreffende ökonomische Sachverhalte nobel verschwiegen.

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