Literatur : Blut und Bier

Psycho: Jonny Glynns Debütroman „Sieben Tage“ erzählt die Geschichte eines Mannes, der sich selbst umbringen will und in der letzten Woche seines Lebens eine Reihe grausamer Morde begeht.

Kolja Mensing

Es ist „ein herrlicher Tag“. Peter Crumb streift durch London, bis er im Park eine junge Frau entdeckt. Er folgt ihr bis zu einem Zeitschriftenladen, in dem sie arbeitet. Am Abend kehrt er zurück. Er holt einen Hammer hervor, schwingt ihn „mit Leidenschaft und Geschick und schlug ihn durch ihren Schädel, versenkte ihn in ihrem Gehirn – zermatschte es zu Pampe“.

Peter Crumb verweilt bei ihrem Anblick, holt ein zweites Mal aus und gestattet sich dann ein ironisches Lächeln und den Gedanken „Sie sieht behämmert aus“. Und kümmert sich anschließend um ihre Mutter, die überraschend aus dem hinteren Teil des Geschäftes hervortritt. „Ein schöner Anblick war es nicht.“ Den blutigen Hammer lässt er einfach liegen und schert sich auch nicht weiter um die Fingerabdrücke, denn: „In sieben Tagen bin ich tot.“

Damit ist der Rahmen abgesteckt. Jonny Glynns Debütroman „Sieben Tage“ erzählt die Geschichte eines Mannes, der sich selbst umbringen will und in der letzten Woche seines Lebens eine Reihe grausamer Morde begeht. Nach der Verkäuferin und ihrer Mutter prügelt Peter Crumb eine Prostituierte zu Tode, ersticht ein Ehepaar mit einem Fleischermesser, nicht ohne die halbtote Frau noch zu vergewaltigen, und macht sich kurz darauf mit einem Chirurgenbesteck auf zum nächsten Massaker.

Fein säuberlich protokolliert er bei einer Tasse Earl Grey und einer selbst gedrehten Zigarette jede einzelne seiner Taten, während er gegen Ausländer hetzt und auf die „verdammte Liberalität der Mittelschichten“ schimpft. So spricht einiges dafür, dass dieser in Großbritannien gefeierte Debütroman ein weiterer Abkömmling von Bret Easton Ellis’ Splatter-Klassiker „American Psycho“ ist, in dem ein gelangweilter Börsenmakler seinen sinnentleerten Alltag mit sadistischen Verbrechen anreicherte: das Massaker als Metapher für die Langeweile der achtziger Jahre.

Doch die achtziger Jahre sind lange vorbei. Jonny Glynn geht es um etwas anderes. Sein literarischer Exzess ist eine Antwort auf die seltsame Moral einer „verrotteten Gesellschaft“, die einen Mord „für unverzeihlich hält“, sich gleichzeitig allerdings begeistert auf Zeitungsmeldungen und Fernsehberichte aus aller Welt stürzt, in denen „das Blut so munter fließt wie Bier aus dem Zapfhahn“.

Peter Crumb spielt dieses Spiel einfach mit. Den Grund dafür erfährt man nur am Rande. Seine eigene Tochter ist Opfer eines Verbrechens geworden, und nachdem ihr Martyrium in den Zeitungen immer wieder aufs Neue ausgebreitet worden ist, findet Crumb aus dem Labyrinth der düsteren Schlagzeilen nicht mehr heraus. Jeden Morgen wirft er einen Blick auf die Titelseite der „Daily Mail“ und nimmt Horrormeldungen wie „Frauenleiche in Müllsack entdeckt“ als Anregung für einen eigenen Mord: „Die Schlagzeile von morgen – und auch die von übermorgen – wird genauso lauten wie die von heute – alles wird sich wiederholen.“

Jonny Glynn hat einen hinterhältigen Roman geschrieben, denn auch als Leser dieses Romans kann man sich dieser ewigen Wiederkehr des Schrecklichen kaum entziehen. Nach tödlichen Stichverletzungen und zertrümmerten Schädelknochen lauert man begierig auf die nächste Gräueltat, und die größte Grausamkeit dieses überraschend intelligent gemachten und von Henning Ahrens übersetzten Buches besteht darin, dass Jonny Glynn genau diese Erwartungshaltung keineswegs erfüllt.

Die Gleichung „sieben Tage, sieben Morde“ geht nicht auf, und durch einen kleinen Eingriff ins Handlungsgefüge macht er aus seinem „Monster“ Peter Crumb am Ende sogar noch einen strahlenden Helden im Krieg gegen den Terror, der von den Medien gefeiert wird. Im 21. Jahrhundert liegen Gut und Böse eben gefährlich nahe beieinander. Unter diesen Bedingungen werden Zyniker wie Jonny Glynn zu großen Moralisten.

Jonny Glynn: Sieben Tage. Roman. Aus dem Englischen von Henning Ahrens. S. Fischer, Frankfurt am Main 2008. 261 Seiten, 18,90 €.

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