Literatur : Brückenschlag nach Istanbul

Der Schriftsteller Geert Mak hat sich auf der Galata-Brücke in der türkischen Hauptstadt mit Teebrühern und Losverkäufern unterhalten und dabei festgestellt: "Ohne sie wäre die Stadt nichts."

Andrea Dernbach
Istanbul
Megacity Istanbul. -Foto: dpa

Der Niederländer Geert Mak ist ein Meister in der Kunst, im Kleinen und Einzelnen das Große und Ganze zu finden. Vor ein paar Jahren verwob er in "Das Jahrhundert meines Vaters" seine Familiengeschichte in die seines Heimatlandes und am Ende hatte man ein Stück Europa entdeckt, das man zu kennen glaubte.

In seinem neuen viel kleineren Buch "Die Brücke von Istanbul" steht Mak auf der Galata-Brücke, die die Istanbuler Stadtteile Beyoglu – er verwendet den alten griechischen Namen Pera – und Eminönü verbindet. Er plaudert, fragt, flaniert und schreibt von der Brücke aus die Geschichte der ganzen Metropole: "Ohne die Brücke wäre die Stadt nichts. Außerdem ist die Brücke selbst eine Stadt, aber man darf sie auch wieder nicht mit der Stadt verwechseln, die Brücke ist nicht die Stadt, und die Stadt ist nicht das Land."

Aber das Land drängt sich auf der Brücke: Die meisten Gesprächspartner Maaks – Händler, Teebrüher, Kellner, eine Losverkäuferin – sind von außerhalb, aus anatolischen Dörfern oder kleineren Städten. Ihre Berichte machen "Die Brücke" auch zu einem Buch über die Türkei, über Menschen, die auf dem Land so wenig hatten, dass selbst das knappe Überleben auf der Brücke noch jeden Wunsch nach Rückkehr erstickt. Und für die es kein Sozialamt gibt, das auch nur eine Lira übrig hätte, wenn sie nicht arbeiten können. Urlaub ist ein Fremdwort, Krankheit völlig ausgeschlossen: "Alle Beschwerden, vom faulenden Zahnfleisch bis hin zu Sodbrennen, werden deshalb mit Antibiotika unterdrückt." Wenn das Geld für die Pillen reicht. Bis dahin kann einen der Zahn leicht zum Dauerkranken gemacht haben.

Wenn Mak beobachtet und fragt, bekommen die Leitartikelthemen der letzten Jahre manchmal eine verblüffende Nähe und Verständlichkeit: Orient? Es ist "die Welt unserer Großeltern und Urgroßeltern", die ihm durch die Erzählungen der Leute auf der Brücke lebendig werden. Auch weiter westlich lebte man vor gar nicht allzu langer Zeit in einer Gesellschaft, "in der ein Mensch letztlich nur auf die Hilfe von Verwandten, Nachbarn und wenigen Freunden rechnen kann" und in denen die Familie und ihre Ehre alles waren. Parallelgesellschaften? Seit Menschengedenken ist das Leitkultur im kosmopolitischen Istanbul, man lebt dort prinzipiell und "konsequent nebeneinander her", selbst die Kurden und ihre Nachbarn auf der Brücke, die nationalistischen Todfeinde. Das Kopftuch?" „Im Code der Brücke kann es für vieles stehen", es bedeckt konservative und emanzipierte Frauen, es kann religiöses Bekenntnis sein, aber auch Tarnanzug oder das Signal "Lass mich in Ruhe". Der Westen? Die einfachen Leute erleben ihn als geschlossene Gesellschaft, die sie nicht einmal als Touristen will. "Versuch als Moslem mal ein Visum zu bekommen", klagt die alte Oberschwester, deren Tochter einen Kanadier geheiratet hat und die ihr Enkelkind endlich sehen will: "Ich habe den Kanadiern eine wunderbare, kluge, gut erzogene Tochter gegeben. Sie arbeitet, sie ist auf niemanden angewiesen, sie ist bildschön, einfach ein Glück für dieses Land. Also warum tun sie mir das an?"

Ganz unnötigerweise traut Mak seinen Augen und Ohren manchmal nicht und lässt seine Erfahrungen beglaubigen. Die türkische Schriftstellerin Elif Shafak zitiert er mit den Worten, die Modernisierung der Türkei sei "ein Umgestaltungsprojekt der Elite" gewesen. Dabei ist doch der Ausbruch des Bankangestellten viele Seiten zuvor viel stärker, wenn der seiner Verachtung für die Zuzügler aus der Provinz freien Lauf lässt: Die ganze Stadt sei inzwischen "voll von unzivilisierten Hinterwäldlern". Die Arroganz der Arrivierten ihren dörflichen Landsleuten gegenüber steht der westlichen gegen die "rückständigen" Migranten in nichts nach.

Manchmal schweigen die Leute von der Brücke. Dann erzählt Mak, der in diesem Jahr den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung erhält, die Geschichte von Istanbul-Konstantinopel-Byzanz“, der uralten und einzigen Stadt der Welt, die auf zwei Kontinenten liegt und womöglich langlebigsten Megacity der Geschichte. 2600 Jahre alt, jahrhundertelang Europas wichtigste Hafenstadt, seit Konstantin die Hauptstadt des Römischen Reiches und bis zur osmanischen Eroberung 1453 das Zentrum von dessen überlebender Hälfte. Danach war "Islamobol", die „Stadt des blühenden Islam“, erneut Mittelpunkt eines Imperiums. Für die Griechen war sie einfach "die Stadt", schreibt Geert Mak, und das werde sie heute wieder für die neuen EU-Mitglieder auf dem Balkan, die selbst lange Teil des Osmanischen Reiches gewesen sind.

Ein Buch über Istanbul muss natürlich auch die Gretchenfrage beantworten: Gehört die Türkei zu Europa? Mak meint ja, "irgendwann" werde sie auch der Europäischen Union angehören. Für die Hindernisse auf dem Weg dahin steht sein Buch auch: Es findet in der Türkei keinen Verleger, sagte er kürzlich in einem Interview. Nach dem Mord am liberalen armenischen Journalisten Hrant Dink in Instanbul, der genau ein Jahr zurückliegt, sei die Angst wohl zu groß.







– Geert Mak: Die Brücke von Istanbul. Eine Reise zwischen Orient und Okzident. Pantheon Verlag, München 2007. 128 Seiten, 9,95 Euro.

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