Literatur : Die amerikanische Epidemie

Pete Dexter erzählt von Rassismus und Mord in Georgia. Dem Schriftsteller ist ein bitterer Thriller über die menschenfeindliche Krankheit gelungen.

Kolja Mensing
Pete Dexter
Sprache aus dem Tiefkühlfach: Pete Dexter. -Foto: promo

An einem heißen Sommertag im Jahre 1951 verlässt Paris Trout seinen Kolonialwarenladen in Cotton Point, Georgia, um Schulden einzutreiben. Er fährt nach Indian Heights, eine heruntergekommene Siedlung, in der ausschließlich Schwarze wohnen. Als er sein Geld nicht bekommt, zieht Trout seinen 45er Colt Automatic und gibt wahllos mehrere Schüsse ab. Eine Frau wird schwer verletzt, ein 14-jähriges Mädchen kommt ums Leben. Paris Trout fährt zurück nach Hause, reinigt seine Waffe und legt sich schlafen. Wenn jemand niedergeschossen worden sei, sei das sicher nicht sein Problem, erklärt er am nächsten Tag im Büro des Staatsanwalts: „Die Schulden waren rechtmäßig.“

„Paris Trout“ von Pete Dexter ist ein bitterer Thriller über den hartnäckigen Rassismus in den Vereinigten Staaten. In den fünfziger Jahren hat es sich zwar selbst in Georgia herumgesprochen, dass „die Gesetzesvorschriften bezüglich Mordes nicht zwischen den Rassen unterscheiden“. Doch in einer Stadt wie Cotton Point, die sich stolz daran erinnert, 150 Jahre zuvor von einem Sklavenhändler gegründet worden zu sein, heißt das nur, „dass man sich besser nicht erwischen lässt, wenn man im Haus von Farbigen alles zusammenschießt“. Das ist zumindest die Auffassung des Richters, der später die Verhandlung gegen den vermeintlich ehrbaren Bürger Paris Trout leiten soll. Sein Rechtsanwalt dagegen würde die ganze Angelegenheit am liebsten als „Jagdunfall“ darstellen, während er die Frau seines Klienten mit den Worten beruhigt, bei der „Angelegenheit“ mit dem schwarzen Mädchen aus Indian Heights handele es sich wenigstens um „nichts Unzüchtiges“.

Der amerikanische Schriftsteller Pete Dexter, Jahrgang 1943, war in Deutschland bis vor kurzem kaum bekannt. „Paris Trout“ war bereits vor mehr als 15 Jahren gekürzt unter einem anderem Titel auf Deutsch erschienen, zwei Paperbacks aus den Neunzigern sind vergriffen, und für das übrige Werk hat sich bisher niemand interessiert. Mittlerweile hat sich Liebeskind der Sache angenommen. Zunächst brachte der Münchner Verlag „Train“ heraus, einen brutalen Thriller über das Schicksal eines schwarzen Caddies in Los Angeles.

Jürgen Bürger hat nun den 1988 erschienenen „Paris Trout“ sehr genau neu übersetzt. Das ist wichtig, denn die bedrohliche Wirkung dieses Roman geht vor allem von seiner heruntergekühlten Sprache aus. Der ausgewiesene Psychopath Trout, der in seinem Haus ein ganzes Arsenal von Schusswaffen hortet, rechtfertigt seinen kaltblütigen Mord an dem Mädchen mit „Grundsätzen“ und „Prinzipien“, „Regeln“ und „Verpflichtungen“, und hält sich dabei exakt an den Basiswortschatz der alteingesessenen Familien von Cotton Point, die in erster Linie um „Sicherheit“ besorgt sind, um „Ordnung“ und darum, dass in ihrer Stadt „alles wie gewohnt weitergeht“.

Doch die Beschwörungsformeln des Bürgertums haben ihre Wirkung verloren. Während in Washington erbarmungslose Schauprozesse gegen vermeintliche Kommunisten geführt werden, führen die USA in Korea einen menschenverachtenden Krieg, und mit den heimkehrenden Soldaten finden auch die Bilder von Massaker und Flächenbombardements ihren Weg zurück in die Heimat. Pete Dexter reißt diesen Hintergrund nur an. Stattdessen entwirft er die fiktive Stadt Cotton Point, Georgia, als Spiegelbild einer Gesellschaft, in der sich die Gewalt mit der gleichen Geschwindigkeit ausbreitet, wie die Tollwutepidemie des Jahres 1951.

Das ist die amerikanische Krankheit. Pete Dexter hat sie in all seinen Roman beschrieben, aber in der Figur von Paris Trout ist es ihm gelungen, sämtliche ihrer Symptome in einer einzigen Person zu vereinen: Dieser Mann ist ein Rassist und Waffennarr, ein wortkarger Kriegsveteran und rechtsresistenter Einzelgänger, und es ist nur konsequent, dass er zuletzt auch noch zum Amokläufer wird. Das Ambiente könnte passender nicht sein: Die blutigen Schüsse fallen am Rand des Stadtfestes, auf dem die Bürger von Cotton Point in historischen Kostümen die Anfangszeiten der amerikanischen Demokratie aufleben lassen.

Pete Dexter: Paris Trout. Roman. Aus dem Englischen von Jürgen Bürger. Liebeskind, München 2008. 415 Seiten, 22 €.

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