Literatur : Fundamente aus Dynamit

Als „Gegen den Tag“ vor eineinhalb Jahren im amerikanischen Original erschien, wurde Thomas Pynchon von übellaunigen Kritikern dennoch gerupft. Der Monumentalroman reißt die Welt der letzten 100 Jahre auf.

Steffen Richter

Die paranoia querulans, auch Querulantenwahn, ist nicht nur eine pathologische Disposition. Sie ist zugleich Triebkraft einer Kunst, die vor allem eines sein will: Einspruch gegen das Bestehende. Und wenngleich er sie seinen Figuren andichtet – es gibt kaum einen lebenden Schriftsteller, der selbst offensichtlicher mit dieser obsessiven Missbilligung der Realität geschlagen wäre als Thomas Pynchon. Deswegen kommt die Literatur mit jedem seiner Romane gleichsam zu sich selbst. Ein neuer Pynchon, das heißt: Bewusstseinserweiterung marsch!

Als „Gegen den Tag“ vor eineinhalb Jahren im amerikanischen Original erschien, wurde Pynchon von übellaunigen Kritikern dennoch arg gerupft. Man kann das verstehen. Dieser neue Roman ist nicht einfach nur ein dickes Buch. Die 1600 Seiten der deutschen Fassung sind eine Aufgabe, gelegentlich eine Zumutung. Doch das Format ist Bestandteil eines Plans, der kalkulierte Grenzüberschreitung auf verschiedensten Ebenen vorsieht: Sichtbares und Unsichtbares, Wissenschaft und Mythologie, Western und Science Fiction werden wie in einem alchimistischen Labor amalgamiert. Was immer man über Raum und Zeit zu wissen glaubte – fort damit. Pynchon erfüllt das utopische Versprechen der Literatur, das Hier und Jetzt zu transzendieren und eine Welt gegen die Welt zu halten.

Dass sich die Geschichte zwischen der Weltausstellung von 1893 in Chicago und dem Ende des Ersten Weltkriegs abspielt und von den USA über Europa bis nach Sibirien ausgreift, war schon aus ersten Vorankündigungen zu erfahren. Wenn man die unzähligen Plots und ihre Sub-Plots zu einem Haupterzählstrang ausdünnen sollte, dann wäre es dieser: Webb Traverse (da ist sie wieder, Pynchons Vorliebe für skurrile, sprechende Namen), tagsüber ein gewerkschaftlich engagierter Minenarbeiter und nachts ein anarchistischer Bombenleger, wird im Auftrag des Bergwerksbesitzers und Großfinanciers Scarsdale Vibe von Banditen umgebracht – der Mann stört den Kapitalismus. Und während seine Tochter Lake ausgerechnet den Mörder ihres Vaters heiratet, wäre es an den Söhnen Kit, Reef und Frank, diesen Vater zu rächen.

An Frank entspinnt sich eine Western-Story, die in die Mexikanische Revolution mit Emiliano Zapata und Pancho Villa mündet. Reef, der anfangs das Erbe seines Vaters als „Dynamitarde“ angetreten hatte, sehen wir als Tunnelbauer in der Schweiz, als Spieler in Venedig und schließlich verwickelt in unübersichtliche Spionageaktivitäten auf dem Balkan – der Agentenroman lässt grüßen. Und Kit, den mathematisch begabten Jungen, treibt es über die Yale University und einen Quaternionisten-Kongress in Ostende nach Göttingen und später bis nach Irkutsk an den Baikalsee. Nichts gesagt ist mit diesen lapidaren Anmerkungen zur Handlung über die eigensinnige Varieté-Künstlerin Dally Rideout, den Anarchistenprediger Reverend Moss Gatlin, das scharfsinnige Teufelsweib Yashmeen Halfcourt und ein Dutzend weitere Protagonisten. Über allem aber schwebt das Luftschiff „Inconvenience“, bemannt mit den Himmelsbrüdern vom Abenteuernetzwerk „Freunde der Fährnis“. Das allerdings entstammt einer Groschenroman-Serie, ist also Teil einer Fiktion zweiten Grades. Der Erfinder des „wissenschaftlichen Romans“ Jules Verne hätte jedenfalls seine helle Freude.

Was Pynchon zu einem labyrinthischen Textgewölbe verbaut, ist die gärende Welt am Vorabend des Ersten Weltkriegs: Die Wut über die Ungleichverteilung der Güter bekommt eine Basis in der modernen Massengesellschaft. Die technische Moderne ist Wunderkammer und Büchse der Pandora zugleich. Aus spinnerten mathematischen Ideen werden Geheimwaffen, aus dem gerade erfundenen Flugzeug Bomber. Der Erfinder Nikola Tesla arbeitet an einer Apparatur zur Bereitstellung kostenloser Energie, doch läuft ein Gegen- und Verhinderungsprojekt auf Hochtouren – finanziert vom selben Mann. Die Profitlogik des Kapitals ist eben unhintergehbar. Die philosophische Aufklärung, die in Pynchons letztem Roman, dem Landvermesser-Epos „Mason & Dixon“, die Welt „vom Subjunktivischen zum Deklarativen“ zu verwandeln drohte, hat längst nicht gesiegt: Man begegnet einem fabelhaften alpinen Urvieh namens Tatzelwurm, sprechenden Kugelblitzen und lesenden Hunden.

Auch die Geschichte ist bei Pynchon nie etwas Homogenes, Entschiedenes. Sie zersplittert in ihre nicht realisierten Optionen und ihren verborgenen, manchmal metaphysisch anmutenden Unterbau. Was immer von der taghellen Welt der Eindeutigkeiten überblendet wird, ist Pynchons Tummelplatz. Daher die Bedeutung des Islandspats, eines Kristalls, der in einem bestimmten Licht Unsichtbares sichtbar macht, Bilder verdoppelt und selbst Personen in die Vervielfältigung der „Bilokation“ treiben kann. Die Geografie steht bei diesem Entgrenzungsunternehmen nicht nach. Als Pendant zur „Kolonisierung des Himmels“ ist eine „Unterwüstenfregatte“ auf dem Weg in die mythische inner- und unterasiatische Stadt Shambhala. Auch die Zeit läuft aus jedem Ruder. Das sogenannte „Tunkuska-Ereignis“ des Jahres 1908 hat „seinen Ursprung in der Zukunft“ – vielleicht in Tschernobyl.

Was dieser vermeintlich historische Roman an Zeitgenossenschaft transportiert, schlägt ohnehin fast jedes auf aktuelle Politik getrimmte Erzählen. Mit der zweifelnden Selbstbefragung der anarchistischen Attentäter kommentiert Pynchon den Terrorismus. Auch die Hoffnung, in Amerika „irgendwo einen weit abgelegenen Ort zu finden, über den sich das Geflecht aus Kapitalismus und bibeltreuem Christentum noch nicht ganz gelegt hatte“, liest sich recht gegenwärtig. Doch davon abgesehen steckt die Politik in der Perspektive: Weltbilder werden umgewälzt und um ihre unsichtbaren Nachtseiten ergänzt, das Unbewusste einer Epoche – unserer – wird manifest. Wie immer bei Pynchon ist all das fragwürdig, uneigentlich, doppelt codiert. Und wie stets plündert er dazu ganze Bibliotheken kanonischer und apokrypher Werke – von populären Spannungsgenres bis zu abgelegenster Mathematikgeschichte. Kein stilistisches Register zwischen der Sprache des Yale-Absolventen und des texanischen Cowboys scheint ihm fremd, kaum eine der 1600 Seiten, auf der es nicht poetisch funkeln würde, die nicht von subtilem Witz durchzogen wäre. Auf Knien möchte man den Übersetzern Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren für ihre Arbeit danken.

Mit der radikalen Medienabstinenz seit „V.“, seinem ersten Roman von 1963, hat sich Thomas Pynchon bekanntlich selbst aus der Ordnung des Sichtbaren ausgeklinkt. Manche unterstellen dem studierten Physiker und ehemaligen technischen Redakteur im Dienste des Flugzeugbauers Boeing unlautere Publicity-Motive. Als ob er die nötig hätte. Seine Bücher, die etwa im Takt der Jahrzehnte erscheinen, werden von einer Fan-Gemeinde gefeiert, die ihrem Meister längst auch im Virtuellen philologische Altäre errichtet (pynchonwiki.com). Und wenn sich jemand der Öffentlichkeit entzieht, könnte das auch an der Öffentlichkeit liegen. Das Verwirrungspotenzial der Person Pynchon wird mit dem des Pynchon-Textes ohnehin nie Schritt halten können.

Diesen Text lesend sieht man die Welt in einem eigentümlichen Licht schimmern, erlebt vielleicht profane Erleuchtungen. Denn diese scheinbar fremde Welt erweist sich plötzlich als erschreckend vertraut. Ganz wie die Region der pythagoreischen Gegenerde, in die das Luftschiff der „Freunde der Fährnis“ am Ende vorstößt. Aus dem Männerbund ist allerdings eine frohgemute Gemeinschaft mit Frauen, Kindern und Himmelshunden geworden, die ihren Zweck in sich selbst findet. Was tut es da, dass Karten und Texte unlesbar werden und die Besatzung begreift, „dass sie sich in einem geografisch nicht erschöpfend erklärbaren Sinne nicht mehr zurechtfanden“. Die Welt ist aus den Fugen. Thomas Pynchon sei Dank.

Thomas Pynchon: Gegen den Tag. Roman. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren. Rowohlt, Reinbek 2008. 1600 S., 29,90 €.

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