Literatur : Genazino erhält Kleist-Preis

Schmerz, Melancholie, Ironie: Der Schriftsteller Wilhelm Genazino, einer der großen deutschen Romanciers und Erzähler der Gegenwart, ist mit dem Kleist-Preis 2007 ausgezeichnet worden.

Wilhelm Genazino
Wilhelm Genazino. -Foto: dpa

BerlinGenazino wurde von dem Schauspieler Ulrich Matthes, den die Jury der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft zum Vertrauensmann gewählt hatte, als Preisträger bestimmt. Er hielt bei der Preisverleihung im Berliner Ensemble auch die Laudatio. Der Preis ist mit 20.000 Euro dotiert.

Matthes würdigte Genazinos Prosa als "außerordentlich und preiswürdig", die mit einer unspektakulären Sprache den Leser neugierig mache. Genazinos Prosa sei "Menschenanschauung, nie Weltanschauung". Seine Romane seien zudem "außerordentlich filmisch und warten auf Regisseure wie Christian Petzold", meinte der Schauspieler vom Deutschen Theater in Berlin. Der Präsident der Kleist-Gesellschaft, Günter Blamberger, nannte Genazino einen "neuen Schmerztherapeuten" mit einem "verzögerten Erfolg", was darauf hoffen lasse, "dass in Deutschland Unzeitgemässes wieder zeitgemäss wird".

Der sichtlich bewegte Büchner-Preisträger Genazino sprach in seiner Dankesrede über "Die Flucht in die Ohnmacht" bei Kleist (1777-1811). Heute sei die "verinnerlichte Ohnmacht" zu einem "Kulturgefühl von uns allen" geworden. "Jeder der lebt, wird zum Teilhaber des Entsetzens seiner Zeit und die Gesellschaft wartet immer darauf, dass einer dabei verrückt wird."

Anti-Helden und Sonderlinge

Der 1943 in Mannheim geborene und heute in Frankfurt am Main lebende Genazino, der als Journalist begann und früher bei der jetzt eingestellten Satirezeitschrift "Pardon" arbeitete, hat sich vor allem als ironischer Chronist mit melancholischem Grundton und genauer Beobachter des bundesdeutschen Alltags einen Namen gemacht. Sein besonderes Interesse galt dabei der Angestelltenwelt mit ihren Anti-Helden und meist unpolitischen Sonderlingen. Kritiker lobten dabei oft seine Gratwanderung zwischen Schmerz, Melancholie, Ironie und der Freude am Augenblick des Beobachtens.

1977 erschien der erste Band seiner "Abschaffel"-Trilogie über das trostlose Leben eines Frankfurter Angestellten, mit der Genazino einem größeren Leserkreis bekannt wurde. Nach 2000 erschienen die Romane "Ein Regenschirm für diesen Tag", "Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman" (2003) und "Die Liebesblödigkeit" (2005). Zuletzt wurde Genazino mit dem Corine-Belletristik Preis 2007 für seinen in diesem Jahr erschienenen Roman "Mittelmäßiges Heimweh" ausgezeichnet.

Zu den früheren Preisträgern des renommierten Kleist-Preises gehören unter anderem Bertolt Brecht, Robert Musil, Carl Zuckmayer, Ernst Jandl, Heiner Müller, Alexander Kluge, Martin Mosebach, Judith Hermann und Daniel Kehlmann. (mit dpa)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben