Literatur : Krieg den Keimen

Roman eines Ehedramas: Für „Staubfängerin“ erhält Katja Oskamp den Anna-Seghers-Preis.

Ulrike Baureithel

Es ist der Albtraum eines jeden Paares: das Kind, in der 31. Woche auf die Welt gezerrt, 1600 Gramm leicht, ohne Apparate nicht lebensfähig – ein Frühchen. Dabei hatte Tanja nur dem ständigen Zugriff ihrer neurotischen Regisseurin Anita entgehen wollen, als sie zu Edgar floh. Nun aber sind sie aneinandergekettet: die kleine Regieassistentin und der große Generalmusikdirektor aus Holland, der ihr Vater sein könnte.

Man ist dieser Tanja Merz schon einmal begegnet, 2003 in Katja Oskamps autobiografisch gefärbtem Debüt „Halbschwimmer“. Die Tochter eines NVA-Offiziers und einer Schuldirektorin, damals noch in der spätsozialistischen Pubertätsphase, hat es nun, Mitte der neunziger Jahre, als „Staubfängerin“ in die nordostdeutsche Provinz verschlagen.

Was als lockere Affäre begann, wird bitterer Ernst. Das Baby Paula, zunächst noch im Inkubator, muss vor Infektionen geschützt werden. Während Edgar konzertierend durch die Welt jettet, findet sich Tanja in ihre neue Lebenslage ein und lebt in ständiger Alarmbereitschaft. Tröpfchenweise verabreicht sie dem Kind Milch, wird „die Beste im Händewaschen“ und beginnt einen Kampf gegen die Keime. Die Mühe lohnt sich, das Baby erholt sich, holt auf. Doch je munterer Paula, desto abgewrackter die ewig schrubbende, waschende und entstaubende Tanja, die auch für Edgar kein Interesse mehr aufbringt. Dieser lebt seine Kreativität zu Hause als Hobbykoch aus und hinterlässt weitere Schlachtfelder.

Tanjas Putz- und Kaufzwang treibt Edgar zuerst in die Verwahrlosung, dann in die innere Emigration ins Gewächshaus neben die Kamelie. Sie indessen fühlt sich im Stich gelassen, ekelt sich vor ihm und hasst ihn für jede Spur, die er auf dem frisch gewischten Boden hinterlässt. Das Reihenendhaus wird zur Falle. Die Familienidylle entwickelt sich zum Ehedrama: „Wir sollten wieder mal ans Meer fahren“, schlägt Edgar begütigend vor. „Vergiss es, sage ich, hinterher hab ich das Haus voller Sand.“

Dabei wirkt Tanjas Mission, ein keimfreies Universum zu schaffen, nicht nur bedrückend, sondern auch komisch. Etwa wenn ein Staubsaugervertreter mit seinem Produkt auf den ehelichen Matratzen herumturnt, um all die unsichtbaren Milben zu erwischen; oder Tanja hilflos mit ansehen muss, wie sich ihr Kind in der Kita zahllosen Bazillenattacken aussetzt – solche Szenen haben Filmreife.

Die erdrückende Ich-Perspektive der Erzählerin bricht Oskamp einerseits durch diesen komödiantischen Elan, andererseits mittels häufigen Gebrauchs der indirekten Rede. So rücken die Figuren, vorab das Paar, aber auch Tanjas Eltern und das Dorfpersonal, in erträgliche Distanz, und zwar in dem Maße, wie der Schmutz in alle erzählerischen Poren dringt. Tanja gelingt es schließlich, sich der Reihenhausumschlingung samt Keimen zu entwinden. Die Ehe zerfällt in Staub, die Staubfängerin, so verkündet der erste Satz des Romans, vermag sich nicht mehr an sie zu erinnern.

Diese entbehrliche Konstruktion (das Auffinden eines Zettels als Erzählanlass), gehört zu den eher schwachen Teilen des Romans. Die Zettelsache weist übrigens Parallelen zu Katja Lange- Müllers neuem Roman „Böse Schafe“ auf – letztere hatte Oskamp vor einigen Jahren am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig unter ihren Fittichen. Überzeugend ist „Staubfängerin“ dennoch, weil die Autorin ihre Hauptfigur zwar in einen Psycho-Tunnel schickt, aber auf den Stelzen der Ironie auch wieder herausholt. Am Sonntag wird Katja Oskamps über weite Strecken erzählerisches Können nun zu Recht mit dem AnnaSeghers-Preis ausgezeichnet.

Katja Oskamp: Staubfängerin. Roman. Ammann, Zürich 2007. 221 Seiten, 17,90 €. Anna-Seghers-Preis-Verleihung und Lesung am Sonntag, den 11. 11., um 19 Uhr in der Akademie der Künste, Pariser Platz.

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