Literatur : Loxodrom

Ann Cotten debütiert mit seltsamen Sonetten. Mit Fremdwörtern jongliert sie jenseits jeder Normen.

Nicolai Kobus

Etwas mehr“ forderte mit Nachdruck die Dichterin Ann Cotten kürzlich in einer Sondernummer der Zeitschrift „Bella triste“ von der gegenwärtigen Lyrikproduktion. Mehr von was? Mehr Radau, weniger Wimmern. Mehr Text, weniger Posieren. Weniger Verliebtsein, mehr Entscheidung. Und während sie noch auf die Einlösung ihrer Forderung wartet, legt sie ihr eigenes Debüt schon mal vor: 78 Sonette, „Fremdwörterbuchsonette“. Genauer gesagt sind es nicht 78, sondern mindestens 156, denn die Sonette treten paarig auf als Doppel-, Spiegel- oder Kettensonette, als Überblendungs- und Cut-up-Sonette, als Sonette, die ihren Kommentar gleich mitliefern in Form eines Sonetts. Ann Cotten, 1982 in Iowa geboren und über Wien nach Berlin gekommen, erfindet die Form für sich noch einmal neu, und zwar mit Energie und Chuzpe.

„Wozu den Inhalt überhaupt beginnen?“, fragt es programmatisch aus der ersten Zeile des Gedichts „Inhalt, teleologisch“. „Alles, was Sehnsucht dir diktiert, ist Quatsch.“ Der Kommentar aus dem siamesischen Zwillingssonett lautet: „Von wo du dich befindest musst berichten …// Aus allem die Genetik abstrahieren,/ jonglieren, spalten und neu kombinieren / Vergiss Reproduktion, aber erzeug Gedichte./ Und schieb sie nicht wie Meerestiere vor dir her,// … Alles ist deutlich konkreter/ als du jemals empfinden kannst, doch Wörter/ werden wie Wale von sich selbst verwaltet.“

Der Inhalt wirke stets einschränkend auf den Geist, schrieb Schiller vor Zeiten, nur von der Form sei wahre ästhetische Freiheit zu erwarten. Das ist eine von vielen möglichen Paraphrasen seiner „Freiheit am Bande der Notwendigkeit“. Cotten vertraut der Form so sehr oder eben überhaupt nicht mehr, dass sie mit ihr anstellen kann, was sie will. Es gibt Verse in diesen Sonetten, die sind so ungeheuer geschliffen, als träfen sich Rilke und George posthum noch einmal zu einem Lyrik-Workshop. Es findet sich die bisher schönste Übertragung von Shakespeares Nr.18, samt Gegenentwurf, versteht sich. Dann wieder rumpelt und poltert es oder faucht aus den Zeilenzwischenräumen. So weitet sie das Zwingende, manchmal Zwanghafte der Form zu einer dynamischen Struktur, die zwischen Theorie und Alltag so ziemlich alles aufnimmt. Technisch ist das frappant, substanziell erschlagend. Das beiläufige Anagrammieren gehört zum Handwerk, auch mehrsprachig: „Riot ce soir. O sei mein Intro Baby./ Time irons sin …“. Gleich zwei Mal wird eine „Intermission“ zu „N’s Ironie-Mist“. Reime finden sich ohnehin wo sie fallen. Und selbst Liebesgedichte kommen gern als Palindrome zur Welt: „Die Liebe ist Sieger rege ist sie bei Leid“.

Fremdwörter dienen zum einen als Initialzündung, zum anderen als Ordnungsprinzip. Folglich verläuft das Inhaltsverzeichnis nicht linear, sondern konzentrisch als eine sich findende Doppelhelix: Der ganze Band ließe sich gewissermaßen als Palindrom lesen: Die Trigger im ersten wie im letzten Gedicht sind die „Loxodrome“, die Längengrade. Im Zentrum re(a)giert derweilen ein „Tyrann“.

Ann Cotten: Fremdwörterbuchsonette. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 2007. 162 Seiten, 8,50 €.

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